Montag, Juli 31, 2006

Im vorderasiatischen Teil Europas

17.7.06
Nach einem zünftigen Burek-Frühstück mit Joghurt gab es einen kleinen Hügel zum Frühsport und dann rauschten wir eine lange Abfahrt ins Tikves-Tal abwärts. Hier sind wir in nun im Weinanbauzentrum von Mazedonien. Wir müssen endlich mal die einheimische Marke "T'ga sa Jug" kosten.
Soweit runter gefahren, bedeutet: Es geht wieder hoch. Ein bisschen fürchte ich mich vor dieser Etappe, denn auf der Karte sieht es sehr trocken aus. Tatsächlich befinden wir uns in einem sehr fruchtbaren Tal, ringsum wird Wein und Tabak angebaut. Wasser gibt es keines, ich hoffe auf eine der vielen gefassten Quellen im Gebirge. Der Balkan ist eigentlich reich an Wasser, aber in dem "Schweizer Käse" des Karsts versickert alles sehr schnell. Doch man findet eben immer am Wegesrand gefasste Quellen, wo erfrischend kühl das Wasser wieder sprudelt. So, hoffe ich, ist es auch auf diesem Wegabschnitt, einer langen und heißen Steigung. Endlich sehe ich Ralf wieder mit Leutchen an einer kleinen Kapelle "Sv. Georgji" stehen. Er wird gerade mit einem zünftigen Frühstück bewirtet. Ich habe nur Durst, in meinen Wasserflaschen sind nur noch Neigen. Doch die erhoffte Quelle fehlt beim heiligen Georg.
Rauchpause auf dem Pass
Doch einige steile hundert Meter weiter fanden wir den Radlerhimmel auf Erden, die erfrischende Quelle mit angeschlossenen Restaurant. Nachdem alle Beschäftigten der Kneipe endlich da waren, gab es auch ein ordentliches Pleskaviza, sprich ein gefülltes Hackfleischsteak und dazu Skopsko und Salat. Am Pass rauche ich noch eine Zigarette, das gehört sich hier so, wie in Kuba die Zigarren.
Die Abfahrt führte uns in die Pelargonija-Hochebene, ca. 600m hoch in das schöne Städtchen Prilep. Der Reiseführer wies auf die alte türkische Altstadt hin. Dort genießen wir recht lange das mazedonische Leben bei dem einen und anderen Skopsko pivo, unserer Hausmarke hier. Es wird dann langsam Abend durch unseren langen Aufenthalt im Internet-Cafe.
Die Pelargonija-Hochebene ist eine der größten mazedonischen Beckenlandschaften. Das fruchtbare Tal ist berühmt für seinen Tabakanbau. Überall sehen wir nur die grünen Felder mit Tabak, Wein und Mais. Weit und breit gibt es keine Bofstelle. Immer wenn wir eine Stelle uns ausgeguckt haben, finden wir noch fleißige Leutchen auf ihrem Acker bei der Arbeit. Wir fahren noch ca. 40 km bis wir im Dämmern hinter einer Baumreihe ein ruhiges Plätzchen finden. Hier wird noch die erste Flasche mazedonischer Wein getrunken, ein Burgunder, mmh.

18.7.06
Früh ist es sehr kühl. Ein Traktor weckt uns, der schon wieder emsige Tabakbauern auf ihr Feld bringt. Die Blätter müssen in der kühlen Morgenfrische gepflückt werden. Der leichte Rückenwind treibt uns rein nach Bitola. In der Altstadt finden wir ein sehr gute Bäckerei für unser Frühstück. Ausgiebig schlendern wir durch die laute hektische Innenstadt und finden in einem Straßencafe zu unserer Ruhe. Eine Spezialität hier im Süden ist der kalte Kaffee. Man bestellt einen Nescaffee frappé und erhält ein großes Glas mit leicht aufgeschäumten, eiskalten Milchkaffee mit einem Schuß Schokolade, sehr erfrischend und lecker.
Vom Kaffee aus sehen wir schon die Berge des Pelister, da müssen wir drüber. Naja, nicht über die 2000er Berge direkt, aber über einen knapp 1400m hohen Pass. Leider ist das als rote Straße in unserer Karte eingezeichnet. Ich befürchte wieder eine trockene, heiße Etappe mit reichlich LKW-Verkehr. Aber so schlimm ist es gar nicht, fast wird uns dieser Pass geschenkt, es gibt sogar wieder ein kleines Restaurant. Es wird geführt von einem alten Trucker, der früher von Düsseldorf bis Kabul gefahren ist. Hier wird uns wieder die umgekehrte Entwicklung bewusst: Früher hatten wir einen Pass der nichts galt, heute können die Mazedonier ohne Visa nur noch nach Serbien reisen. Als Jugoslawen stand ihnen die Welt noch offen.
Nach der Abfahrt kommen wir zum Prespa-See. Der Prespa-See hat keinen Abfluss, trotzdem ist der Wasserspiegel in den letzten Jahren um zehn Meter gesunken. Der See verliert sein Wasser an den 500m niedriger gelegenen Ohrid-See durch den Karst des Galiciza-Gebirges. Die touristischen Einrichtungen an Seeufer sind aus jugoslawischer Zeit und werden kaum noch genutzt und verkommen. Schade!.
Im Dorf Stenje erleben wir Eigeninitiative, ein kleines gutes Lokal, wo der Chef noch selbst am Grill steht. Er freut sich, dass uns seine Pleskavizas schmecken. Heute Abend gibt es nun endlich den berühmten "T'ga sa Jug". Das ist ein sehr süffiger und fruchtiger Wein, ohne jegliche Nachwirkungen.

19.7.06
Heute gab es den längsten Frühsport meines Lebens. Mit der Sonne aufgestanden und in sanften Serpentinen geht es hoch auf den 1600m hohen Pass im Galiciza-Gebirge. Dieses Karst-Gebirge trennt die beiden schönsten Seen des Balkans. Nachdem wir den Eichenwald
verlassen haben sehen wir noch einmal den Dreiländer-See Prespa (Mazedonien, Griechenland, Albanien). Nach dem Pass gucken wir auf den azurblauen Ohrid-See.
Schon in den 80er Jahren interessierten mich die Plakate in den tschechischen und bulgarischen Reisebüros mitt den Bildern des Ohrid. Der Ohrid ist der Baikal Europas, 300m tief. Für Süßwasser hat der See die unglaubliche Unterwassersicht von 30m. Hier ballt sich der Tourismus von Mazedonien, die Hälfte alle Fahrzeuge hier hat eine Skopjer Nummer. Das Ufer ist gesäumt von Campingplätzen, Pensionen und Hotels, zum Beispiel mit dem schönen Namen "Beton-Hotel". Die Gebäude aus jugoslwischer Zeit sind wie ihr Name, es herrscht Beton vor. Der Kieselsteinstrand ist von Badelustigen belegt, wir gesellen dazu. Überall hört man Disko-Musik in den Freiluft-Kneipen, trotzdem nicht aufdringlich und voll.
Die berühmte Ohrid-Forelle haben wir uns nicht geleistet, doch hier sehr teuer. Aber es gab ja immer etwas vom Grill oder eine leckere Fischsuppe. Unsere Bofstelle befindet sich unter einem Baum direkt am Ufer.

20.7.06
Nach dem Morgenbad im Ohrid-See gemütlich beim Burek in der Innenstadt von Ohrid. Hier treffen nun Europa und der Orient aufeinander, Moschee und Kirche 50m nebeneinander. Einzigartig die schöne Altstadt mit Burg und antikes Amphitheater. Doch dann weiter auf der Straße, ständig unterbrochen durch einen Platten an meinem Vorderrad. Ich musste schon die ganze Zeit alle zwei Tage aufpumpen, doch nun, wo ich meine schöne kanadische Luftpumpe verloren habe, benötige ich immer öfter die neue Mistkrücke von Ralf. Also ein Bierausschank am See aufgesucht, Bier getrunken, Dorn im Mantel entfernt und abschließend im Ohrid-See nochmal gebadet. In Struga hören wir bei einer albanischen Hochzeit den orientalischen Klängen zu, in einem mazedonisches Restaurant gibt es wieder was vom Grill.
Mit vollen Bäuchen rollern wir den Drim abwärts Richtung Debar, nun im 100%-albanischen Siedlungsgebiet. Überall zeigen wie Bleistifte die Minarette zum Himmel. Dieses Zeichen ist viel aggressiver als die kleinen Kreuze auf den geduckten orthodoxen Kapellen. Deshalb werden bei größeren Städten auf dem Berg riesige Kreuze errichtet. Diese künden beleuchtet vom rechten Glauben.
Entlang an zwei Staustufen des Schwarzen Drims, ständig auf und ab, erreichen wir Debar. Am Anfang von Debar sehen wir viele verlassene Häuser, ein Neunjähriger spielt mit einer MPi (echt?!). In der quirligen Innenstadt ist alles moslemisch geprägt. Trotzdem kommen wir zu unserem "Skopsko pivo".
Ausgangs des Mavrovo-Tals finden wir einen schönen Platz zum Bofen, es gibt wieder "T'ga sa Jug". Hinten im engen Tal, ziemlich weit oben sehen wir die Lichter der albanischen Bergdörfer. Müssen wir da morgen hoch?

21.7.06
In der Nacht knatterte die ganze Zeit unser Zelt im Fallwind aus den Mavrovo-Bergen, schlecht geschlafen. Durch ein tiefes und sehr enges Tal ging es in eine steiles einsames Gebirge. Wasserprobleme gibt es nicht, hier sind viele Quellen. Die albanischen Bergdörfer kleben 200m über uns an den Hängen und zeigen wieder mit den Bleistiften, den blendend weißen Minaretten der brandneuen Moscheen zum Himmel. Eins dieser Dörfer besuchen wir, es liegt nicht ganz so hoch. Ein Mütterchen kredenzt uns einen starken Kaffee, türkisch. Der Bach im Dorf ist gleichzeitig die örtliche Müllhalde, das Wasser sorg für den Abtransport. Das Dorf baut gerade sich eine recht große neue Moschee. Als einziger Gegenpol gibt es ein sehr altes großes Kloster aus dem 11. Jahrhunder, Sv. Jovan Bigorski. Zu deutsch heißt das Johannes Baptist (Kerner?).
Endlich erreichen wir den Pass oberhalb des Mavrovo-Stausees. Hier entwickelt sich ein bisschen Wintertourismus. Als große Belohnung gibt es eine tolle über 15km lange Abfahrt nach Gostivar im Tetovo-Tal. Wir sind hier im Zentrum der Albaner in Mazedonien. Die Wartezeit auf den Zug nach Skopje verbringen wir in einigen Restaurants. Wir haben noch eine ganze Reihe von Ansichtskarten zu verschicken und fragen deshalb nach der Post. Der Albaner aus Eutin bei Lübeck, ein sehr freundlicher Mensch, überninmmt unsere Post und verspricht diese für uns kostenlos zu frankieren und einzustecken. Nach fünfzehn Minuten hält sein Mercedes wieder neben uns und er überreicht uns den Postbeleg, ganz toll!.
Viele Grüße aus Thüringen (oder von Sonstwo)
Ralf-Peter Haun und Eberhard Elsner
Noch habt Ihr die guten Zeiten, nach denen Ihr Euch in spätestens 10 Jahren sehnen werdet.

1 Kommentar :

Anonym hat gesagt…

Euer Bericht macht richtig Lust auf die Gegend.