Samstag, Juli 11, 2009

Neun Leute im Lande der Shqipetaren

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13.06.09
Man muss bei einer solch langen Zugfahrt immer mal aufstehen und sich die Beine vertreten. Ich stehe im Gang. Der Zug fährt ganz langsam auf die Weiche mit dem Haltesignal zu. Da zieht der Schaffner neben mir die Notbremse. Der Zug hält. Der Gegenzug fährt auf dem Ausweichgleis an uns vorbei. Er holt seinen Vierkant aus der Tasche, schließt auf und schiebt den Zughebel der Notbremse wieder zurück. Die Plombe ist nicht gerissen. Soll ja beim nächsten Mal wieder klappen. Das schwerste Eisenbahnunglück in der Geschichte Montenegros, die Entgleisung eines Triebwagenzuges am 23. Januar 2006 bei Bioče nördlich von Podgorica mit 47 Todesopfern, war auf einen Bremsdefekt des Zuges zurückzuführen.
Wir fahren auf einer der spektakulärsten Bahnstrecken Europas, die Strecke Belgrad – Bar, eine Normalspur-Bahnstrecke mit einer Länge von 476 Kilometern und 254 Tunnel mit einer Gesamtlänge von 114,435 Kilometern. Ich führe Strichliste der Tunneldurchfahrten, am Ende werde ich beim Ausstieg in Podgorica 249 Striche auf meinem Zettel haben. Zum Zeitpunkt der vollständigen Inbetriebnahme benötigte ein Zug etwa sieben Stunden von Belgrad bis Bar, während er heute auf Grund von Geschwindigkeitsbeschränkungen üblicherweise etwa neun Stunden unterwegs ist, da der Streckenzustand die einst projektierten Geschwindigkeiten nicht mehr zulässt.
Das Team Eisenbahn ist jetzt schon seit 48 Stunden ab Dresden unterwegs, wir werden mit mehr als 12 Stunden Verspätung beim Hotel „Evropa“ am Bahnhof Podgorica das Team Flugzeug treffen. Es gab noch einige andere merkwürdige Aktionen der beteiligten Bahnunternehmen, sodass wir unseren Anschluss gestern Abend in Belgrad verpasst haben. Der Autozug an die Adria war ausgebucht. Ein Taxi-Fahrer zeigte uns ein Hostel um die Ecke. Für die 20 Euronen pro Nase wird was geboten! Jedes der Mehrbettzimmer hat Klimaanlage, einen großen Flatscreen-TV und einen Computer-Arbeitsplatz mit freiem Internet-Zugang. Wir erhielten jeder ein Geschenk-Set mit Hausschuhen, Schwamm, Kamm, Teebeutel, Neskaffee, Schokolade, Briefpapier … Am Morgen klapperte plötzlich was in unserer „Küche“, das Frühstück wurde gebracht. Eine warme Pizza und Joghurt für jeden. Empfehlenswert!

14.06.09
Heiner und ich sind die letzten, die Trekking noch ernst nehmen. Die anderen Sieben haben eine Mitfahr-gelegenheit zum Grenz-übergang in Hani i Hotit gefunden. Ein guter Op' im traditionellen Mercedes hat drei Kilometer vor der Grenze auch mit uns Erbarmen. Zu Hause während der Vorbereitung der Tour habe ich mich um das Weiterkommen nach Albanien gesorgt. Wie immer, es fügte sich. Unsere Vorausabteilung, das Team Flugzeug, recherchierte die Busnummer nach Tuzi. Mein Tischnachbar im kleinen Straßencafé entpuppte sich als Busfahrer der Linie. Von Tuzi waren es dann noch 14 km Fußmarsch bei ordentlicher Hitze zur Grenze. Der Durst konnte jedoch im Niemandsland zwischen den beiden Grenzkontrollen gestillt werden. Die Einreise nach Albanien kostet keinen Eintritt mehr (2005 verschwanden noch 10€ in einer großen Schublade). Ein Kontor zum Geld tauschen gibt es hier nicht. Aber wir haben vorgesorgt, jeder hat einige 5€-Scheine, die nun in die Gemeinschaftskasse wandern. Hier im Grenzgebiet erhält man als Wechselgeld auch noch Euros, später füllt sich so die Kasse mit Lek, der einheimischen Währung (1 EUR = 128,88 ALL). Aber Autofahrer sollten bis zur Ausreise noch eine Neige in der Reisekasse lassen – Straßenbenutzungsgebühr ist fällig, geschätzt aus der Aufenthaltsdauer im Land. Unterbrochen von Besuchen in allen Tavernen am Wegesrand, es waren zwei, tragen wir unsere schweren Rucksackschweinebraten bis unter den Pass. Zwischen Schildkröten und Skorpionen bauen wir unsere Zelte auf.
Harry und ich gehen noch ein paar Bier holen, wir glauben unten bei der katholischen Kirche einen Laden entdeckt zu haben. Wir sind ganz unsicher. Es ist ein leerer dunkler Raum, nur links an der Wand ist so etwas wie ein Warentresen, nur eben ohne Waren. Doch der freundliche Mann führt uns um die Ecke in einen Nebenraum zu einer Kühltruhe. Dort dürfen wir nach Bier und Limo kramen, auch Eiskaffee in Dosen fördern wir zu Tage. Alle freuen sich über unseren Einkauf.

15.06.09
Gestern Abend schauten wir immer wieder nach dem Weg hoch auf den Pass in das Gebiet Kelmend im Bezirk Malësie e Madhe. Wir diskutierten über den besten Weg unter Berücksichtigung der noch immer schweren Rucksackschweinebraten und der zu erwartenden Hitze. Dass wir früh losziehen würden, war schnell klar. Aber besser auf der Straße oder auf dem Hirtenpfad?
Der Treffpunkt war klar: Die Brücke bei Tamarë. Vier wählten den Pfad durch den makija, fünfe hofften ein Bisschen, auf der Straße eine Mitfahrgelegenheit zu erhaschen. Das klappte auch, Conny, Eva und Harry wurden mitgenommen. Die „echten“ Trekker, Heiner und ich, waren noch ca. 30 Gehminuten vom Pass entfernt, als wir tief unten die Wildnisfraktion die Straße erreichen sahen. Sie kamen querfeldein aus ihrer Schlucht und sie enterten einen LKW. Wir ließen uns dann auch aufsammeln, es war ein Kieslaster. Der Pass war mehr eine Hochebene mit dem Dorf Rraphë. Hier winkten uns auch unsere drei Freunde zu. An einer Kneipe hielt der LKW zu einer Pause, wir tranken ein schönes kaltes Bier, der Fahrer einen raki. Wir fanden alle neun mit unseren Rucksackschweinebraten auf der Ladefläche mit dem Flusskies Platz.
Die Straße führte durch eine kleine Felsenpforte, dahinter gähnte der Abgrund in die Schlucht des Cemit. Der LKW nahm die Serpentinen in den Abgrund nach einer Linkskurve. Conny zwang ihr Adrenalinspiegel, sich erstmal hin zu setzen. Es war atemberaubend. Auf dem Kies sitzend sahen wir oft von der schmalen Straße nichts, nur ganz unten die kleinen Häuschen der Höfe. An der Brücke kletterten wir vom Laster und entrichteten an unseren Fahrer einen kleinen Obulus von 5€ pro Nase. Wir entschlossen uns, erstmal ins Dorf Tamarë zu laufen. Laut GoogleEarth gibt es dort eine Kneipe. Das Dorf hatte eine richtigen kleinen Marktplatz mit etlichen Cafés und Läden. Vor einem Laden gab es ein schattiges Plätzchen und wir verließen den gastlichen Ort erst, nachdem wir dem Laden alle seine Flaschen Nikšičko weg getrunken hatten. Nachmittag brachen wir auf, um die an der Brücke ausgewiesenen 15 km bis nach Vukël zu absolvieren. Viele Pausen später waren wir äußerst überrascht, dass es hier sogar ein kleines Lädchen gibt. Ein überaus nettes Ömchen freute sich, uns den Inhalt der Kühltruhe wieder nach Bier, Limo, Saft und Eiskaffee durchwühlen zu lassen.

16.06.09
Auf einer kleinen Weide am Fluss fanden wir einen schönen Zeltplatz. Das ist nicht selbstverständlich, es ist ansonsten eine recht schmale Schlucht, das Cemit-Tal hier.
Wir sind auf dem Holzweg. Der Plan war hier aus der Schlucht auf die karstige Hochfläche aufzusteigen und nach Bogë zu gelangen. Tatsächlich ist die Wand des Talbschlusses aber gewaltig abweisend. Hier sind noch zwei Höfe bewohnt, zumindest jetzt zu dieser Jahreszeit. Ich glaube kaum, dass sich jemand das über den Winter antut. Von dem Weg hofften wir, dass er uns irgendwie hoch führen wird. Aber er endete unter der Wand, wo letztens ein paar Bäume gefällt wurden. Jens lässt sich von einem Jungen den Einstieg in den Weg nach Bogë zeigen. Der Junge ist mit einer Last von geschätzten 40kg flexibler Wasserleitung angeblich von dort gekommen. Ich glaube, wir könnten zwar den Aufstieg finden und leisten, aber oben wird der Pfad nur schwer zu identifizieren sein und wir laufen oft in die Irre. Das frisst dann an der Moral. Soweit die objektiven Gründe.
Einstimmiger Beschluss: Zurück nach Tamarë, der innere Schweinehund und der auf dem Rücken wiegen zu schwer. Mir dauert Conny, sie quält sich mit ihren Blasen an den Füßen, sie eiert jeden Schritt nach unten. Sie hat schon vom zweiten Tag an die Methoden zum Blasentrockenlegen von Sascha, die sie in Sibirien kennen lernte, angewandt. Es nutzt nichts. Seltsamerweise ist auch der Weg von der Brücke ins Dorf Tamarë doppelt so weit geworden. Unser Freund aus dem Laden hat seine Vorräte aufgefüllt, wir können unseren Durst löschen und Conny die Füße hoch legen. Im Kirchgarten können wir unsere Zelte aufschlagen. Es wird eine sehr schwüle Nacht.

17.06.09
Ich habe einen großen Auftritt. Kurz vor halb sieben früh springe ich vor dem Kirchgarten aus einem Mercedes-Bus und rufe: „Auf geht’s. Euer Bus ist da!“ Wir sind hier im echten Land der Frühaufsteher. Auf dem kleinen Dorfplatz sind schon früh um 6 Uhr die Cafés geöffnet. Unser Freund aus dem Laden winkt mich heran und lädt mich zu einem Kaffee und einem raki ein. Er bietet mir an, uns mit seinem Bus über den Pass nach Koplik zu fahren. Wir haben einen Lift.
Die Kraxen werden auf dem Dach verladen, verschnürt und los geht’s. In Koplik gibt er uns seine Adresse und seine Telefonnummer, falls wir einen Transport brauchen. Schon beim Bummel durch den Ort und vor der Bank, wo wir unsere Gemeinschaftskasse mit albanischen Leki auffüllen, werden uns Fahrgelegenheiten bis nach Tirana angeboten. Wir wollen nur nach Bogë. Ein FORD-Transit bringt uns hin, fast ein bisschen zu klein für neun Leut' und neun Kraxen. Der Fahrer versucht ein bisschen mehr Fahrgeld herauszuschlagen. Er fährt uns nur bis zum Ortseingang, denn hier endet auch die von der EU finanzierte neue Asphaltstraße. Er kriegt nur die ausgemachten 5€ pro Nase. Alle schwärmen aus zum Fotografieren. Mich nervt das Geknipse mittlerweile, im Auto, beim Essen, ständig wird mit den neumodischen Digitalknipsen hantiert. Zum Glück stören sich die Albaner daran gar nicht. Die sind immer freundlich und lassen den Gästen alles durchgehen.
Der nächste Pass steht auf dem Plan – hinüber nach Theth. Das ist auf jeden Fall eine Fahrstraße, es sollte also auch für uns eine Fahrt werden. Nach einiger Zeit bietet sich ein junger Kerl mit einem LKW an, uns auf der Ladefläche zu transportieren. Das ist super, so können wir wieder von oben alles bestens sehen. Zwei Ungarn klettern noch vorn ins Führerhaus und ein gutes Wocheneinkommen für den Kerl ist gesichert. Die Ungarn können unseren Fahrer zu Fotohalts überreden. Es ist wieder ein Ritt durch eine großartige alpine Landschaft. Es gibt noch reichliche Schneeflecken. Die unasphaltierte Straße über den 1630 m hohen Terthorja-Pass ist bis ins späte Frühjahr schneebedeckt.
Theth ist eine auf rund 750 bis 950 müA gelegene Streusiedlung, die sich über mehrere Kilometer dem eher flachen Talboden entlang streckt. Da müssen wir aber erst noch hin, er hat uns ziemlich weit oben abgeladen. Wir haben Durst und Fresslust, der erste Versuch schlägt fehl: Nur für angemeldete Gäste. Das war während unserer ganzen Tour die einzigste Abfuhr, die wir erteilt bekamen. Im Rahmen eines Tourismusprojekts sind hier einige Privathäuser als Gästehäuser ausgewiesen. Wir werden von der Familie Terthorja aufgenommen.

18.06.09
Schade, ich lag heute nacht mit dem Kopf zum Fenster. Jens schwärmte heute morgen von dem Schauspiel des Gewitters dieser Nacht. Ich hätte auch aufstehen können, aber der Schweinehund...
Am Morgen war wieder schönes klares Wetter. Bis auf den Kaffee bestand das Frühstück aus den Produkten des Hofes. Frische Milch, Butter, Käse, Eier, Marmelade, der würzige Honig war mein Favorit, frisches Brot. Gestern wurde der Backofen angeheizt, wobei ich mit meiner Säge zum Feuerholz beitragen konnte. Der Op' ließ das aber nicht auf sich sitzen und kam mit einer STIHL-Motorsäge.
Wir bleiben hier in Theth zwei Tage, heute also ein Spaziergang ohne die Rucksackschweinebraten. Der erste Treffpunkt ist das Tourismuszentrum des Ortes, ein Wegweiser und eine Infotafel mit einer Wanderkarte. Der zweite Treffpunkt ist die Café-Bar. Das ist ein Garten mit drei Schatten spendenden Laubhütten, einem Kioskbüdchen und einem Wasserbad, zum Kühlhalten der Erfrischungsgetränke. Die Jungens freuen sich über die vielen Gäste, deren Rechnung – wirklich, es gibt eine exakte Abrechnung – alles wieder rausreißt.
Im Dorf gibt es noch einige der befestigten Häuser – die Kulla. Die albanische Kulla – ein Relikt aus dem 18. und 19. Jahrhundert – kann als „Steinfestung“ bezeichnet werden. Sie dient in erster Linie als Behausung der Großfamilie, aber auch als Wehr- und Schutzbau. Dies war besonders wichtig, wenn ein Mann „ins Blut gefallen“ ist.
„Die Größe und Anzahl der Stockwerke einer Kulla ergab sich jeweils aus der Größe der Familie und deren finanziellen Mitteln. Am häufigsten ist die dreistöckige Kulla auf der Hochebene Dukagjini vertreten. Sie stellt damit das Grundmodell einer Kulla dar: Traditionell befand sich im Erdgeschoss der Stall, in dem das Vieh untergebracht wurde. Das erste Stockwerk wird auch heute noch als Feuerstelle bezeichnet, da hier die Frauen kochen und das Familienleben stattfindet; außerdem befinden sich auf dieser Etage die Schlafräume. Im obersten Stock jeder Kulla liegt das aufwändig verzierte Herrenzimmer, die sogenannte Oda e Burrave, ein großer Raum, der den männlichen Familienmitgliedern und Gästen vorbehalten war. Die Stockwerke sind im Inneren über Holztreppen miteinander verbunden, zusätzlich führt eine separate, außen liegende Holztreppe direkt vom Hof zum obersten Stock. Dieser Zugang diente dazu, Gäste freundlich empfangen zu können, ohne sie in Kontakt zu den (weiblichen) Familienmitgliedern treten zu lassen.“ (Drita Jasiqi: Das Kulla-Projekt)
Genau so ein Haus konnten wir besichtigen, es ist heute als ethnografisches Museum ausgewiesen. Eine Om' zeigte uns das Gebäude, ein pfiffiger Junge übersetzte ins Englische. Der machte uns dann auch auf den fälligen Obolus aufmerksam und nahm das Geld komplett an sich. Ich konnte gerade noch zwei 200-Lek-Scheine ihm entreißen und dem Ömchen geben. Sie hat mich dankbar gedrückt.
In dem oberen Stockwerk, das Zimmer erstreckte sich über das ganze Stockwerk, waren die Fenster eher Schießscharten. Die Frau machte auch während ihrer Erläuterungen die entsprechenden Gesten. Als Hauptinstrument zur Durchführung und Erhaltung des Rechts (kanun) und insbesondere der männlichen Ehre galt die Rache des Geschädigten. Wenn ein männliches Familienmitglied nun Ziel einer solchen Blutrache war - „ins Blut gefallen“ - war es höchstwahrscheinlich, dass er den Rest seines Lebens hinter den Schießscharten verbrachte. Draußen war er vogelfrei für den Beauftragten der blutsverfeindeten Familie. Noch ein kleiner Auszug aus dem Kanun des Lekë Dukagjini, dem Gewohnheitsrecht der Bergstämme:
„Muß ein Mann durch ein Dorf gehen, wo er einen Blutfeind vermutet, und er nimmt eine kleine Beeinträchtigung seiner Manneswürde auf sich; begegnet er einer Frau aus diesem Dorf, so sagt er ihr: “Schwester, führe mich durch dein Dorf”, so muß die Frau ihn führen, geht ihm mit einem Zeichen (z. B. einem grünen Zweig) voraus, und er ist in Sicherheit, auch wenn er am Hause des Blutfeindes vorübergeht; in Begleitung einer Frau darf auch der Vogelfreie nie getötet werden.“
Die Frau hatte einen grünen Zweig in der Hand.

19.06.09
Heute wird es ernst: Es geht über den Pass ins Valbonë-Tal (Qafa e Valbonës). Heute gibt es keine Chance, ein Fahrzeug zu entern. Conny kann wieder schmerzfrei laufen. Das ist die wichtigste Voraussetzung für die Herausforderung – die Rucksackschweinebraten über den Berg zu buckeln. Nach meiner russischen Generalstabskarte werden wir wenigstens zweimal ein Bächlein queren. Ich nehme nur 1,5 l Wasser mit. Nach knapp 5 Stunden sind wir alle oben auf knapp 2000 m Höhe. Mir fällt der Abstieg am schwersten, einmal stürze ich und reiße mir die rechte Hand auf. Rrogam, die höchste Siedlung im Valbonë-Tal, ist heute praktisch unbewohnt. Trotzdem werden wir im ersten Haus von einer Frau eingeladen. Hier soll ich nach der türkischen Kaffeezeremonie uns Kaffee kochen, krieg' ich nicht so richtig hin. Zur Beruhigung gibt es raki. Wir können bei den Leuten unsere Zelte aufschlagen. Aber sind das wirklich Bergbauern, sie wirken so städtisch?

20.06.09
Hier ist der Talboden über einige Kilometer flach und recht breit. Der Weg führt über das fast ausgetrocknete Schotterbett des Flusses Valbonë. Wir pausieren gerade, da kommt mit großen Schritten ein Tourist unseren Weg herunter. Ich habe allergrößten Respekt, ist der heute morgen schon über den Pass gespeicht? Bei den üblichen Fragen „Woher, wohin?“, anfangs noch in Englisch, stellt sich heraus: Ein Landsmann. Er hat gleich um die Ecke hier in einem Hotel zum Preis von 10€ übernachtet. Das ist der Einheitspreis der Gästehäuser im ganzen Tal. In seinen Erläuterungen wird auch klar, dass unsere Gastgeber gestern „Sommerbauern“ sind. In Tirana und Shkoder gibt es keine Arbeit, also bauen sie die Wintervorräte hier oben an, um in der Stadt über die Runden zu kommen. Nachher im Dorf Valbonë werden wir sogar erkennen, dass diese moderne Form der „Transhumanz", eine Form der Fernweidewirtschaft, sich sogar bis nach Deutschland erstreckt. Der Mitsubishi-Van hat ein Lörracher Kennzeichen und der TÜV reicht noch bis 2010. Das ist das Auto der Betreiber der örtlichen Café-Bar.
Auf dem Weg nach Valbonë verlieren wir unseren KaLeu. Unsere immer durstigen Kehlen entdecken ein Hinweisschild zu einem weiteren Hotel, also nix wie hin. Alle im Tross sehen den Vordermann abbiegen, nur KaLeu trottet weiter. Er schimpft, als wir ihn am Dorfrand wieder treffen.
Unser erster Anlaufpunkt ist selbstverständlich die Café-Bar. Uns wird eine weitere lokale Köstlichkeit zubereitet, Forelle frisch aus dem Bassin nebenan gefangen und gegrillt. Wir dürfen im Garten campen. Das ist natürlich super, Bewirtung und dann ab ins Zelt! Die Letzten sind Conny & Benny, sie verkosten den raki bis gegen 0:30 Uhr.

21.06.09
Pünktlich zum Sonnen-aufgang beginnt es zu regnen. Das Wetter ist jetzt endgültig umgeschlagen, das Adria-Tief hat triumphiert. Wir packen unsere sieben Sachen nass zusammen. Zum Glück gibt es im Gastgarten etliche Pavillons zum Unterstellen. Der örtliche öffentliche Nahverkehr wird über private Kleinbusse abgewickelt, die früh nach Bajram Curri reinfahren und talabwärts Alle mitnehmen. Früh heißt früh, gegen 6 Uhr steht der Bus vor der Café-Bar, wir sind angemeldet. Es sitzen schon ein paar Einheimische drin, heute ist Sonntag, also im Sonntagsstaat. Auf der letzten Bank werden unsere Kraxen verstaut. Zwischenzeitlich sind wir 22 Personen, ein Baby und der Fahrer. Ein 70-jähriger knochiger Op' sitzt auf meinem Schoß. Beim Aussteigen bedankt er sich bei mir herzlich für die gute Fahrt.
Bajram Curri ist ein regionales Zentrum und verfügt über zahlreiche Läden, einen Markt, mehrere Hotels und ein Krankenhaus. Es ist nicht weit über einen niedrigen Pass ins Kosovo. Ursprünglich hieß der Ort Kolgeçaj. 1952, als die regionale Verwaltung vom Ort Tropoja hierher verlegt wurde, erhielt er zu Ehren des albanischen Freiheitskämpfers Bajram Curri seinen heutigen Namen.
Bajram Curri (* 1862 in Gjakova; † 29. März 1925) war ein albanischer Freiheitskämpfer. Der Kosovare setzte sich im Osmanischen Reich für die Interessen der Albaner ein und kämpfte 1912 erfolgreich gegen die Jungtürken. Während des Ersten Weltkriegs führte er eine Guerilliatruppe an. Im neu gegründeten Staat Albanien nahm er in verschiedene Regierungen Posten als Minister und als Kommandant in der Armee ein. Als Gegenspieler des späteren Königs Ahmet Zogu, dem die kosovarische Frage weniger wichtig war, wurde er von dessen Truppen verfolgt und dann auch in den nordalbanischen Bergen eingekesselt. Er erschoss sich am 29. März 1925, um der Gefangennahme zu entgehen. (Wikipedia)
Während wir uns das Städtchen anschauen und diverse mehr oder weniger kulinarische Köstlichkeiten probieren, erhalten wir immer wieder Angebote für den Weitertransport. Selbst die Verkehrspolizisten wollen uns behilflich sein, wir wollen aber noch nicht weiter zur Fähre auf dem Stausee Koman fahren. Wir entschließen uns, hier in einem Hotel zu übernachten. Im besten Haus ist aber alles ausgebucht, wir erhalten die Empfehlung zu einem Hotel bei der Schule. Das ist das alte, früher einzigste Haus am Platz. Eva und Harry machen eine Übernachtung für 5€ klar. Sie konnten die Horntzschen mit Klo und Waschraum auf der Etage schon mal betrachten und buchen sicherheitshalber ein Upgrade für 20 €, denn einige Zimmer sind schon auf aktuellen Standard gebracht. Mit einem Haufen Schlüssel in der Hand zeigen uns zwei Männer die Zimmer, immer ganz vorsichtig hineinlugend, ob sich das hinter der Tür befindliche Durcheinander den Gästen anbieten lässt. Bald sind wir aufgeteilt. Heiner und ich machen noch einen kleinen immer wieder vom Regen unterbrochenen Spaziergang zur Moschee und auf den Markt. Wir kaufen Brot und ein auf sein Deutsch stolzer Ladenbesitzer lässt mich alle seine hausgemachten Käsespezialitäten kosten. Wir nehmen was für's Abendbrot mit.

22.06.09
Im Land der Früh-aufsteher – das gilt hier verschärft. Wir bekamen noch gestern raus, dass ein Buss früh um halb Sechs zur Fähre abfährt. Aber wie schon in Valbonë sind wir bekannt wie bunte Hunde. Als wir vom Hotel los stiefeln wollen, kommt ein Kleinbuss und holt uns ab. Nur unser KaLeu kriegt wieder nichts mit, und strebt weiter. Wir können aber seinen Kurs korrigieren.
Wir sind kurz nach 6 Uhr am Fähranlieger. Im kleinen Bufé stehen schon die raki-Gläser auf den Tischen. Einer sagt uns, dass er schon seit drei Uhr hier sitzt. Wir werden auch gleich von einem Besitzer eines Kleinbusses weggefangen und können für die Fahrt nach Shkoder unsere Rucksäcke einladen. Nach Ablegen der Fähre macht auch das Bufé im Schiff auf und es gibt Frühstück: petulla mit Käse und Bier.
Es ist ein großartiges Erlebnis, fast geräuschlos gleitet die Fähre über das Wasser, das anfangs von einer ganz dünnen Schicht Nebel bedeckt ist. Es ist eine Fahrt durch mehrere gewaltige Schluchten. Ein paar mal winken Leute am Ufer, die Fähre lässt die Landeklappe auf die Felsen herab und die Leutchen klettern aufs Boot. Der Koman-Stausee (Liqeni Komanit) dient in der abgelegenen Bergregion auch als Verkehrsweg. Die Fähre verkehrt täglich, unsere Fahrt dauert knapp 4 Stunden. Die Anlegestelle am Damm ist voll gestellt mit Kleinbussen. Die fangen die Fußgänger ab, denn die einzigste Fortsetzung des Weges führt durch einen fast unbeleuchtete Tunnel hinunter an den Fuß der Staumauer.
Während der Fahrt im steilen Flusstal poltert plötzlich was am Auto. Bis unsere Diagnose Platten vorn beim Fahrer auf albanisch ankommt, dauert es ein Weilchen. Er schaut nach und wir sehen, dass er die Radbefestigung nachzieht. Das muss er nach einigen Kilometern wiederholen. Wir sind zum zweiten Mal nach dem der Notbremsung im Zug einem Unfall entkommen, der Wagen wäre einige Dutzend Meter in die Tiefe gepurzelt.
Ja, der Regen ist nun unser ständiger Begleiter. Als wir in Shkoder ankommen, drascht es wie verrückt. Einige flüchten unter das Portal eines Hotels, wir flüchten in die Kneipe, es ist Mittagszeit. Nachdem alle wieder zusammen sind, ist es Zeit, dass endlich die versprochenen Fleischberge auf den Tisch kommen. Unter anderen können wir mit unserem Kauderwelsch-Sprachführer mish miks als Fleichmix übersetzen. Der Kellner will uns unbedingt eine Pizza empfehlen, aber nach einiger Zeit sieht er ein, dass der Grill draußen im Garten anzuheizen ist und wir nach einiger Zeit ein grandioses Fresserchen serviert bekommen. Wir kommen in einem schönen kleinen privaten Hotel im Zentrum unter.

23.06.09
Es bleibt weiter regnerisch, aber es sind immer nur kurze, aber kräftige Schauer. Heute steht die Burg Rozafa auf dem Programm. Nach alldem zeitigen Aufstehen in den vergangenen Tagen, wird heute gebummelt. Wir erreichen die Burg erst nach dem Mittagessen. Der Bereich um die Brücke über die Buna wurde seit 2005 vollständig umgebaut. Ich habe damals in einem neuen Hotel übernachtet, das ist weg. Die alte Straße ist ein Boulevard, eine neue vierspurige Straße ist angelegt. An den Rohbauten wird nicht gebaut, die Finanzkrise hat den Investoren das Geld aus der Tasche gezogen. Auf den Bautafeln habe ich ausschließlich einheimische Investoren und Baufirmen erkennen können.
Auf einem Hügel steil über der Buna zwischen den Flüssen Buna und Drin liegt die Burgruine Rozafa. Bereits im 4. Jahrhundert v. Chr. haben Illyrer auf dem Hügel eine Stadt gegründet. Während der Römerzeit dehnte sich die Stadt bis in die Ebene am Fuße des Hügels aus. Später haben Byzantiner, lokale Fürsten und Venezianer die Anlage genutzt. Letztere haben die Befestigungsanlagen stark ausgebaut. 1479 konnten die Türken die Burg nach zehnmonatiger Belagerung einnehmen. Bis in die zweite Hälfte des 17. Jahrhunderts war die Burg bewohnt. All das erfuhren wir von einem netten Historiker im sehenswerten Museum auf der Burg.
Auf dem Rückweg in die Stadt können wir unsere morgige Fahrt an die Grenze nach Montenegro organisieren. 9 Uhr ist Treffpunkt an der Ausfallstraße nach Europa.

24.06.09
Wie gewohnt klappt wieder alles mit dem Transport. Kurz nach neun kommt unser Fahrer, alles wird verladen und ab geht’s zum Grenzübergang Muriqan. Wir wollen noch einen Tag an die Adria nach Ulcinj. Leider spricht unser Fahrer nur französisch, denn er hat einiges Interessantes über die Geschichte vom Gebiet des Skutari-See im 20. Jh. zu erzählen. In den Wirren der Balkankriege 1912/13 beanspruchten Montenegriner und Serben die Stadt für ihre Staaten (immerhin gab es wirklich eine kleine Minderheit von Slawen in der Region, welche aber heute völlig assimiliert sind). Die montenegrinische Armee hielt Shkodra einige Zeit besetzt. Auf Druck der europäischen Großmächte musste diese 1914 wieder abziehen, und Shkodra wurde dem gerade unabhängig gewordenen Albanien zugerechnet. Im Ersten Weltkrieg von 1916 bis 1918 stand die Stadt unter österreichischer Besatzung. Aus dieser Zeit wird noch heute die alte Militärbrücke über die Buna genutzt. Nach dem Krieg folgten die Franzosen, die Shkodra 1920 an den jungen Staat Albanien übergaben.
Am Grenzübergang war die Fahrt zu Ende. Aber wir wurden schon darauf aufmerksam gemacht, dass hinter uns der Linienbus nach Ulcinj kommt. Den entern wir nach den Grenzübergangsformalitäten.
Am Busbahnhof in Ulcinj ist weit und breit nichts von der Adria oder einem Stadtzentrum zu sehen. Wir machen uns zu Fuß auf den Weg. Ein Glatzkopf kann uns überreden, das wir uns jeweils in Dreierteams von seinem Kumpel in einem kleinen Peugeot zu einem Campingplatz fahren lassen. Die Übernachtung soll dort stattliche 10 € kosten, die Hinfahrt inklusive. Vorsichtshalber bezahle ich an den Chef vom Zeltplatz, soll sich der Typ doch selbst um seine Provision kümmern. Die Fahrt war recht weit, aber der Chef verspricht uns für morgen wieder eine Fahrt zum Busbahnhof zu organisieren. Faulenzen, Baden, Essen und Bier trinken ist angesagt.

25.06.09
Gemeinsamer Antritt zur Abreise, wir fahren noch zusammen im Bus bis Bar, dann wird das Team Flugzeug aussteigen. Sie können noch ein paar Tage hier bleiben. Sie werden nach Kotor weiterfahren.
Unser kosovarischer Bus, wir könnten über Pec – Peje bis nach Pristina fahren. Ein Fahrrad würde bequem unten beim Gepäck unterkommen. Unser Ziel heißt aber Podgorica, wo wir noch abendes weiter nach Belgrad fahren wollen. Das klappt, wir bekommen Liegewagenkarten für den Nachtzug.

27.06.09
Die Rückfahrt lief perfekt. Unser Zug hatte zwar in Belgrad Verspätung, unser geplanter Zug war weg. Ein Taxifahrer versprach („Ich schwöre...“), den Zug noch einzuholen. Aber darauf verließen wir uns nicht, es gab noch einen Tagzug nach Budapest, wieder Platzkarten bekommen und in Budapest erwischten wir einen EuroNight bis Dresden. Früh um halb 7 Uhr standen wir auf dem Hauptbahnhof in Dresden. KaLeu entdeckte Leutchen von „Rad & Wandern“, seiner Truppe, die gerade eine Radtour starteten. Die waren natürlich überrascht, dass er gerade aus Albanien käme. „Mit Schulz-Aktiv-Reisen?“, fragte eine Frau mit einer ROHLOFF-Nabe(!). „Nö!“ Brauchen wir nicht, bei uns klappt Alles auch so.