Dienstag, Juni 28, 2016

Der schwerste Urlaub meines Lebens

25.6.2016    Auf kleinen Straßen
Ich konnte gestern noch mit zwei avantgardistischen Polen, Darek & Robert, Segler und Reisende überall auf der Welt, die allgemeinen Weltengänge diskutieren. Der Ausgangspunkt war ihre Frage nach meiner Meinung zum Brexit. Ich wusste da noch nix vom Ergebnis des Referendums. Statt “Es fügt sich!” viel mir in Englisch nur ein “I have no idea.” Darek schenkte immer wieder vom guten Roten ein, der ließ uns den Diskussionsfaden immer weiter spinnen. Zum Abschluss konnte ich sie noch zu dem göttlichen hausgemachten Cognac überreden. Es war ein schöner Abend.
Canon des Hrazdan-Flusses bei Karenis
Ich habe mich entschieden nun auf kleinen Straßen im Tal des Hrazdan meinen Weg zu finden. Das funktionierte auch recht gut, bis ich die Talstraße in der Stadt Hrazdan (armenisch Հրազդան) verpasste. Im Dörfchen Solak zeigte mir dann endlich Einer den schmalen Hirtenpfad tief hinunter in die Schlucht zu einer kleinen Brücke über den Hrazdan-Fluss. Er meinte: “Eto Problem!” Ich bin dann noch eine gute halbe Stunde durch die Gässchen im Dorf geschoben, um wieder zurück zur Dorfstraße zu gelangen. Diese Landstraße führte dann durch einen armenischen Garten mit Erdbeer- und Gemüsefeldern permanent bergab, es war eine Lust zu pedalieren. An einer Kreuzung fragte ich den Chef einer Bäckerei, ob die gigantische Fabrik oben am Berg noch produziere. “Da, armatury.” Diese Fabrik muss wohl zu Sowjetzeiten die Armaturen für das ganze Reich produziert haben.
Zone zur Erhohlung - es dubelt der Schlik-Grill
Ashtarak (Աշտարակ) liegt zu beiden Seiten einer recht tiefen Schlucht, die der Fluss Kasakh in das Lava-Gestein gefräst hat. Es gibt eine alte Steinbrücke über den Fluss. Diese älteste und im Mittelalter einzige Brücke der Stadt aus dem Jahr 1664 besteht aus drei unterschiedlich hohen Spitzbögen und liegt an einer scharfen Flussbiegung, wo sie vor hohen Fluten geschützt war. Dort an der schönsten Stelle der Stadt befindet sich eine “Zone zur Erholung”, ohne Kommerz - unglaublich. Die Leute bringen ihr Fleisch, überall brennen die Schaschlyk-Roste, es wird Domino und Schach gespielt. Einer versucht aus dem recht reißendem Fluss mit einem kleinen Netz an einer Angel Fische zu fangen, ich konnte keinen Erfolg beobachten.
Angler am Flus Kassagh (armenisch Քասաղ)

26.6.2016    Die Steppe ist verblüht
Das Wahrzeichen - der Berg Ararat
In Ashtarak fand ich ein wunderbares Privatquartier. Die Gastfamilie verabschiedete mich herzlich mit einem großen Beutel voll Aprikosen. Diese Aprikosen sind hier eine große Köstlichkeit. Die Aprikose war in Armenien schon in der Antike bekannt und wird dort schon so lange angebaut, dass häufig angenommen wird, dass dies ihre ursprüngliche Heimat sei. Nicht umsonst steht das Orange in der Nationalflagge Armeniens für diese typische Frucht des Landes, „das kreative Talent und die hart arbeitende Natur der armenischen Bevölkerung“ (Zitat aus der Verfassung Armeniens).
Gestern Abend im Fernsehen wurde eine armenisch-römische Kirchenfeier ausgestrahlt, wenn ich es richtig verstand, ist gerade der Papst Franziskus in Armenien zu Besuch. Der Konvoi aus lauter schneeweißen G-Klasse-Modellen mit Polizeischutz war wohl der Konvoi des Papstes auf dem Weg nach Giumri (Գյումրի). Beim Wiedertreffen auf ihrem Rückweg habe ich meine Mütze gezogen, die Fahrer haben den Pilger zumindest mit einem freundlichen Hupen respektiert.
Denkmal für den Aufstand von Van 1015: Dieses Denkmal wurde in den 80igern von der reichen armenischen Diaspora gestiftet. Die andere Hälfte soll in den USA stehen.
Seit heute morgen ist kein Wölkchen am Himmel. Vom westlichen Himmel grüßt der Ararat-Gipfel. Die Straße nach Giumri (Գյումրի) führt permanent und schnurgerade bergauf. Rechts und links gibt es eine Reihe von antiken und modernen Denkmalen.
Eine alte Karawanserei an der Seidenstraße - im Hintergrund immer noch der Gipfel des Ararat
Zum Glück weht ein leichtes Lüftchen, doch schon bald merke ich - das wird so nichts. Ich muss mir morgen einen Transport mit einem Autobus oder ähnlichem besorgen. Ich bin jetzt wieder ca. 1600 m hoch, weiter unten ist die Steppe schon trocken, gelb und verblüht.

27.6.2016    Die Steppe blüht wieder
Hier erbarmte sich der Op' meiner
Die Herausforderungen setzen sich fort, hinüber nach Maralik (Մարալիկ) , über einen Bergzug knapp an die 2000m-Marke Aber ein Op’ mit seinem Shiguli erkannte meine Sachlage und schnallte mein Rad auf sein Dach und schaffte mich auf den Berg. Mir war aber klar, dass ich es weiter nicht schaffen werde. So war ich froh, als ich an einer Raststätte in Maralik eine georgische Marschrutka nach Akhakalaki (georg. ახალქალაქი) fand. Ruck zuck schnallte der Chauffeur mein Rad wieder auf das Dach seines FORD Transit und ich war Teil des Teams für einen Wahnsinnsritt über die Piste nach Georgien. Einer der Passagiere machte an der Grenze Probleme wegen 50$, ich habe keine Idee, was die Lösung war und was er büßen musste … nach knapp einer Stunde ging es weiter. Mich kostete diese Fahrt 20 Georgische Lari (entspricht ca. 5€).
Dschawacheti-Plateau (1900m)
Die Steppe hier blüht wieder. Ich habe hier auf dem Dschawacheti-Plateau wieder fast die Höhe des Sevan-Sees (1900m) erreicht. Bis 1991 war das sogenanntes Grenzgebiet. Besucher von außerhalb benötigten eine Sondergenehmigung. Auch nach der Grenze siedeln hier noch immer Armenier (90 Prozent der Einwohner der Gegend gehören zur armenischen Volksgruppe). In Akhakalaki ( ახალქალაქი) wird in den Geschäften neben georgischer Währung auch armenisches und russisches Geld angenommen. Ich konnte hier meine überzähligen Dram (armenisch դրամ oder հայկական դրամ, Kurs 2016: 1 EUR = 528,33 AMD) in Georgische Lari (georgisch ლარი; ISO-Code: GEL; Kurs 2016 1 EUR = 2,58512 GEL) umtauschen.

Gleich am hinteren Wegrand ist die Kante zur Wardsia-Schlucht
Alle loben uns Deutsche, dass wir von aller höchster Stelle den Genozid an den Armeniern endlich respektiert haben. Es ist eine bitterarme Ecke, ich sah noch Leute in Erdhütten leben. Trotzdem hat der Op’ oben an der Kante zur Vardzia-Schlucht, der seine Kühe betreute, nix mit den Kommunisten von früher am Hut. Er rechnete mir vor, dass er für das Fleisch seiner Kühe heute viel mehr erhält als früher. In unserem weiteren Schwätz erzählte er mir, dass „der Mann, der die Einheit von Deutschland sichergestellt hat“, Schewertnadse, seit drei Jahren tot sei. Die Abfahrt in die Schlucht war anspruchsvoll für Mensch&Maschine. Ich traue meinem Vorderreifen nicht mehr viel zu. Unten treffe ich meine Freunde wieder, man sieht, es fügt sich.
Die Höhlenstadt Wardsia

28.6.2016    Die wichtigste Sehenswürdigkeit in Georgien kann man nicht sehen
Es war gestern noch ein toller Abend, die Wardsia-Schlucht (georgisch ვარძია) ist ein Hotspot für die westlichen Tramper. Damit der Tourist den gastlichen Ort auf dem Grund des Klosters als Campingplatz identifiziert, steht ein leeres Kuppelzelt auf der Wiese. Daneben erkannte ich sofort das Zelt meiner Freunde. Es gibt einen Ausschank von köstlichen roten Hauswein und man kann diverse Köstlichkeiten der georgischen Standardküche ordern, z.B. Khinkali (georgisch ხინკალი), die großen Teigtaschen, gefüllt mit Fleisch, Käse oder (wem’s gefällt) auch süß. Khinkali werden von Hand gegessen. Dabei greift man zur Spitze der Teigtasche (georgisch kudi "Hut"), die kühler ist als der Inhalt. Man beißt etwas Teig ab und trinkt den Saft aus der Tasche, dann isst man den Rest. Weil die Spitze hart ist, wird sie nicht mitgegessen, sondern zur Seite gelegt. Am Ende der Mahlzeit kann gezählt werden, wie viele Teigtaschen jeder Esser geschafft hat (Wikipedia).
An der Tafel fanden sich zusammen: Zwei Rucksackreisende aus Estland, ein Mähre aus Brno, Balint aus Budapest mit seinem Mädel aus Amsterdam. Lingua franca war Englisch, ich verstand es, aber wenn man eine Englischlehrerin dabei hat, braucht man nicht soviel zu schwätzen.
Wardsia
Der Aufstieg früh zum Höhlenkloster war zu trocken, zu hoch und zu heilig, abgebrochen. Wardsia wurde im 12. Jahrhundert in eine vom Tal rund 500 Meter aufragende Felswand geschlagen. Die Baumeister nutzten Vor- und Rücksprünge für die Anlage tiefer Höhlen, die durch Tunnel, Treppen, Terrassen und Galerien miteinander verbunden sind. Für die Einwohner waren ursprünglich 3.000 Wohnungen auf bis zu sieben Stockwerken errichtet worden, die Platz für 50.000 Menschen boten. Jede Wohnung bestand aus drei Räumen. Es gab eine Schatzkammer, eine Kirche, eine Bibliothek, Bäckereien, Ställe und Badebassins. Wasser floss aus Keramikleitungen. Die Höhlenwohnungen wurden durch belüftete Stollengänge verbunden.
Nach einem Erdbeben im Jahre 1283 sind heute noch 750 Räume auf einer Fläche von etwa 900 Quadratmetern erhalten. Durch das Beben ist die vordere Wand abgerutscht ist. Damals muss es viel weniger Löcher in der Wand gegeben haben. In meinem Alter sehen viele Dinge von unten am Besten aus und solche Weisheiten kann man von diversen Info-Tafeln und Wikipedia erfahren.
Den Fluss Mtkvari kennen wir bereits aus Tiblissi. Die 1364 km lange Kura (dt. auch Kur; georgisch მტკვარი/Mtkvari, aserbaidschanisch Kür) ist der größte Fluss im Kaukasus. Es war ein lockeres, aber heißes Pedalieren hinunter nach Akhalziche (ახალციხე) durch eine wilde Schlucht, garniert mit diversen Burgen, mehr oder weniger erhalten.
Burg Khertvisi: Die Khertvisi Festung ist eine der ältesten Festungen in Georgien und war während des georgischen feudalen Zeit funktionsfähig. Die Festung wurde erstmals im 2. Jahrhundert v. Chr. errichtet. Die Kirche wurde in 985 gebaut und die gegenwärtigen Mauern im Jahre 1354. Wie die Legende sagt, wurde Khertvisi von Alexander dem Großen zerstört. In der 10. und 11. Jahrhunderte war es das Zentrum der Mskheti-Region.
Nun zu den unsichtbaren Sehenswürdigkeiten: Ich habe heute begonnen, die berühmte georgische Küche zu ergründen. Dazu nutze ich zwei Zugänge. Einmal die vielen kleinen Straßenkneipen, wo die Muttl kocht. Zum zweiten die etwas gehobeneren Restaurants, weil man da die Speisekarte übersetzt kriegt. Gerade hat sich die Muttl gefreut, dass ich eine Kharcho, eine georgische Rindfleischsuppe, bestellt habe. Als Beweis liegt ein Knochen zum Abknabbern in der würzigen Suppe. Danach habe ich mir Khachapuri Imereli bestellt, das ist ein leckeres heißes Käsegebäck zum weißen Hauswein. Vorhin in Azpindza konnte ich eine Speisekarte studieren (georg. - russ. - engl.), um folgende umwerfenden Köstlichkeiten probieren zu dürfen. Als kalte Vorspeise Auberginen gefüllt mit Walnuss-Creme, danach Champignons in heißer Butter in der Pfanne gegart (hat noch gesprudelt). Ich schmeckte nichts anderes, als den puren Pilz. To be continued - wird fortgesetzt ...

Kommentare :

Anonym hat gesagt…

Hallo Ebs
Endlich wieder ein paar Einträge von Unterwegs.
Eigentlich habe ich angenommen, dass du etwas abnehmen wölltest, aber,-
ich freue mich natürlich auf den nächsten georgisch-armenischen Abend.

Den Grexit haben wir hier mit Hochspannung beobachtet, mit dem Ergebnis, dass man nun ohne die nörgeligen Einsprüche der Briten spalten und schalten kann wie man will.
Aber,-ich wollte unbedingt die Glaskugel befragen, wie es denn in zehn Jahren aussieht in der EU.
Das Ergebnis hat mich überrascht.
Die Eropäische Union besteht 2026 nur noch aus zwei Staaten! Ja!
Merkeldeutschland und Griechenland!
Griechenland braucht weiterhin dringend Finanzspritzen aus dem Rettungsschirm der EU, und Merkeldeutschland dagegen erhofft jedesmal seine ausgereichten Krediten gleich zurückzubekommen.

Ich wünche euch eine gute Tour mit tollen Erlebnissen
Gruß Alibotusch

Eberhard Elsner hat gesagt…

Das mit dem Abnehmen fügt sich, man würde es, glaube ich, schon sehen.
Du musst beachten, dass sich die georgische Küche mit der Französischen allemal in der Vielfalt&Raffinesse messen kann.
Es war für mich überraschend, mit ausländischen Mitreisenden in Armenenien solche esoterischen Diskurse zu führen. Es ist überraschend, wieviel westliche (und ich zähle die Ost-EU-Länder dazu) hier unterwges sind. Du glaubst es nicht, wie viel unterschiedliche Ansichten hier diskutiert werden! Will sagen: Senken wir die Hochspannung und erweiteren wir uns unseren Horizont.

Ansonsten: Es läuft!