Freitag, Juli 08, 2016

Runter vom Großen Kaukasus

5.7.2016    Die Töchter der Königin Tamar
Ich bin heute noch einmal Mestiachala-aufwärts gefahren, rechts am Fluss hoch. Links geht ja der Jeep-Weg zu den Keruldi-Seen hoch. Bald kam ich an ein Häuschen, gebaut aus zwei Bastei-Campingwagen. Dort brach gerade eine Gruppe junger georgischer Trekker auf, die empfahlen mir noch ein paar Kilometer hoch zu fahren. An mehreren Furten wollte ich schon umkehren, fand aber immer einen Pfad weiter. Und dann blickte ich in den Gletscher-Bruch des Chalaadi.
Unterm Gletscher-Bruch
Noch ein paar Dutzend Metern weiter ein kleiner Kiosk mit den Töchtern der Königen Tamar. Die KöniginTamar (georgisch თამარი, * 1160; † 18. Januar 1213) aus der Bagratiden-Dynastie war so berühmt, ob ihrer Klugheit und Schönheit, dass man den Flugplatz in Mestia nach ihr benannte und selbst König Barbarossa davon erfuhr und seine Söhne losschickte, um sie zu gewinnen. Die schönen Töchter aus dem Kiosk erfrischten den alten Landsmann König Barbarossas mit exotischen Limonaden. In der Tat machen die hier aus Kräutern wie Estragon oder Gewürzen wie Vanille leckere Limonaden. Der Fremde aus dem Abendland mischte das mit seinem Lieblingsgetränk, dem Bier.
Georgischer Grenzposten
Das Haus Khergiani
Es gibt in Mestia mehrere der alten Svanenhöfe mit Türmen, die man besuchen kann. Ein besonderer Platz ist der Khegiani-Turm. Hier lebte einer der berühmtesten Bergsteiger der Sowjetunion Mikheil (Misha) Khergiani (1932-1969). Einige Räume zeigen die Geschichte des Alpinismus, inklusive der Einholung derHakenkreuzflagge auf dem Elbrus. Im Turm sind seine alten Klettergarnituren wie zu einer Kletterwand installiert.
Erdgeschoss eines "Machubi"
Der erste Raum war aber für mich am beeindruckendsten: Es war der alte swanische Familienraum. Ein swanisches Wohnhaus, „Machubi“ genannt, ist ein großes zweistöckiges Gebäude. Während im Erdgeschoss die Bewohner lebten und hier gleichzeitig der Viehbestand gehalten wurde, diente der erste Stock alleinig zur Lagerung von Heu. Ein Thron für das Oberhaupt, eine Bank jeweils für die Männer, die Frauen und die Kinder. Rundherum guckten die Kühe aus ihren Ställen, sie waren ein wichtiger Wärmespender. Das gesamte Haus wurde durch ein offenes Feuer in der Mitte des großen Zimmers beheizt. Die ganze hölzerne Einrichtung reich beschnitzt.

6.7.2016    Enguri abwärts
Das Dorf Lenjeri oberhalb der Enguri-Schlucht
Das Motto heißt: Im Prinzip geht es bergab. Aber es ist kein leichtes Pedalieren. Die ersten Kilometer verlaufen auf halber Höhe weit über dem Fluss auf den Almen immer Huckel hoch und ein Bissel mehr runter.
Hier wird Regen gemacht
Ich habe auch noch einen Abstecher in das Tal des Flusses Dolra nach Becho gemacht. Ich hatte Glück, der Uschba zeigte sich in voller Pracht.
Uschba-Südgipfel - erstmals am 26. Juli 1903 von Adolf Schulze, Robert Helbling, Fritz Reichert, Albert Weber und Oscar Schuster bestiegen.
Weiter unten in der Schlucht faucht ein kerniger Gegenwind den Radler an. Während meiner Siesta stößt plötzlich ein Auto wieder zurück. Mein Fahrer von der Fahrt hoch nach Mestia begrüßt mich ganz herzlich.
Wassermassen des Enguri
Es sind gewaltige graue Wassermassen, die durch die Schlucht ins Tal schießen, dem Stausee des großen Enguri-Wasserkraftwerks aus der Zeit der Sowjetmacht entgegen. Ich habe jetzt eine ganze Bande von Töchtern der Königin Tamar nach einem Zimmer gefragt, es wird bereitet.
Stausee des Enguri-Damms
7.7.2016    Police on my neck
Unten liegt das sagenhafte Land der Kolchis
Die großartige Enguri-Schlucht liegt hinter mir. Mein Plan war über kleinere Straßen Zugdidi rechts liegen zu lassen und durch die hüglige Landschaft vor dem Kaukasus zu fahren. Ich hoffte, nicht durch die subtropische Kolchis-Niederung mit der großen Hitze zu müssen. Das ist hier das Grenzgebiet zum abtrünnigen Abchasien, es gab einen Krieg in den Neunzigern und wohl auch 2008 einige Scharmützel. Als ich in Lia links abbiegen wollte, hupte und rief es aus dem Polizei-Posten. Ich bezog es nicht auf mich, sondern ich kehrte erst einmal in eine kleine Garküche ein. 
Meine Kneipe in Lia - zum Bier nimmt man hier gern einen Bissen vom Dörrfisch
Dann bog ich wieder in den Weg nach Zalendschicha (georgisch წალენჯიხა) ein. Da hielt mich ein HiLux-Toyota der Gendarmerie an. Woher ich käme, wohin ich will? Nachdem ich meinen Plan offengelegt hatte, boten sie mir sofort an mein Rad auf die Ladefläche zu packen, dort, wo der IS immer die 23mm-Kanone hat. “Nein, ich habe keine Problem! Ich will radeln.” Die Steigung gleich hinter dem Dorf wurde durch ein Schild mit 12% angegeben. Ich schob mit vielen Pausen, der HiLux im Schritt hinter mir her. Ein Bäuerchen beriet mich fürsorglich, ich soll viel Wasser trinken, er wünschte mir guten Weg und bekreuzigte sich dreimal. Die Bullen warteten im Schatten. So ging das über fünf Kilometer, dann wurde ich einer anderen Crew übergeben, die schon gewartet zu haben schien. In Zalendschicha musste ich meine Pläne neu ordnen, es schien bei der Hitze doch keine so gute Idee zu sein, wieder hoch an den Rand des Kaukasus zu fahren. Dazu wurde ich natürlich von ihnen beraten. Sie redeten mir alle meine Alternativen bergab aus. Also weiter stetig die gute Straße nach Tschchorozku (ჩხოროწყუ) bergan. 
Mein Weg unter Polizeiobhut
Die dritte Crew ließ mich dann an einer längeren Leine. Mir viel aber auf, dass die Burschen gute Plätze mit Schatten kannten. Da standen sie wieder an so einem schönen Platz, den ich auch für ein Päuschen ansteuerte. Sie überzeugten mich unter Mithilfe von einigen Einheimischen (Zeitgenossen des Sieges von Dynamo Tiblissi über den FC Carl Zeiss Jena 1981 in Düsseldorf), mein Rad auf den Pickup zu schmeißen. Sie brachten mich ca. 5 km wohl an den Rand des Grenzgebiets und meinten, nun gehe nur noch bergab.
Hier haben sie mich entlassen
Nun bin ich in Tschchorozku und im Zweifel, ob eine Tour durch das georgische Hinterland klug ist. Das ist eine Kleinstadt mit diversen Zeugnissen einer sozialistischen Entwicklung. Das einzigste Restaurant, was seit der sozialistischen Entwicklung durchgehalten hat, bietet sieben kleine Buchten mit jeweils einem 4-Personentisch. Das Bier holt man sich in einem gefrosteten Glas an der Theke aus einer schlecht gewarteten Bierleitung. Eine Kneipe zum Draußen sitzen habe ich nicht gefunden. Das wird schwer werden für die nächsten Tage.

8.7.2016    Regentag zwischen Tschchorozku und Senaki
Erst gegen 10 Uhr war es möglich zu starten, es draschte schon seit der Nacht. Das Wetterbild ließ aber nicht auf Besserung hoffen, es wird weiter ordentliche Schauer geben.
Die Königinnen der Landstraßen in Georgien
Die frei im Wege herum stehenden Rindviecher haben eine ähnliche Wetteranschauung wie der Radler. Bei Sonne soll es Schatten sein, bei Regen ein Unterstand. Sehr nahe liegend für Rind und Radler sind die zahlreich errichteten Buswartehäuschen.
Bereits besetzt
Wenn die Häuschen nicht mit einem funktionierenden Pfortensystem versehen sind, sind sie für den Radler als Unterstand nicht zu gebrauchen - voll geschissen. Oben in den Bergen sahen manche Häuschen bereits aus wie der sagenhafte Augias-Stall. Für den mehrstündigen Regen um Mittag herum fand ich ein Häuschen mit perfekter Pforte, sauber und trocken.
Gerade geht wieder ein subtropischer Wolkenbruch mit Blitz, Donner und Stromausfall über Senaki (სენაკი) nieder, jetzt muss ich meinen Unterstand nicht mit anderen Ochsen teilen, ich bin im Hotel “Versailles”.

Kommentare :

Anne hat gesagt…

Lieber Ebs, wir sind in Kutaisi. Wir haben Ushguli tatsächlich noch am selben Tag erreicht, sind zum Wandern und Schatzbesichtigen geblieben und dann nach Lentheki über den Tsagarpass. Wunderschönen Aussichten und natürlich auch Fuhrten, viel Kuhdung und seit heute heftiger Regen. Die Prometheus-Höhle, zu der wir gestern ebenfalls eine Polizei-Eskorte hatten, besuchten wir und radelten dann ins Hotel Mkudro, wo wir deiner Reise folgten und viel schmunzeln mussten. Wir bleiben bis übermorgen. Dir weiterhin eine gute Fahrt - es fügt sich sicher bald wieder. Herzlichst - Detlef und Anne

Anne hat gesagt…

Lieber Ebs, heute sind wir ihn Tbilisi angekommen. Gori hat sich wegen der Höhlenstadt Upliszkhe und dem Tana-Tal sowie der Festung gelohnt. Auch Mr.Dugashwili bekam Besuch von uns und wir sahen Photos und die Geschichte Jakows. Detlef ist jetzt bei Dynamo Tbilisi zum Spiel. Morgen schauen wir die Stadt an und machen am Donnerstag vielleicht noch einen Ausflug nach Kazbegi. Wir sind im Centrum im Corner Hotel. Leider scheinst du nicht mehr online zu gehen und ich weiß nicht, ob du die Nachricht überhaupt lesen wirst. Wir hoffen, dass es dir gut geht. Bis spätestens Donnerstag Nacht bzw. ganz früh am Freitag. Herzliche Grüße von Detlef und Anne

Eberhard Elsner hat gesagt…

Hallo Anne&Detlef,
musste eine Auszeit nehmen - kurzzeitig wurde meine VBerdauung der georgischen Küche nicht gerecht. Bin am Mittwoch in Tiblissi angekommen, noch schwer kämpfend durch die Stadt. Werde jetzt Verpackungsmaterial für das Rad besorgen, am Flugplatz aufgeben und dann mit dem Taxi zurück ins Hotel London Palace. Das ist schon ein kleines Stück über die Altstadt Richtung Airport hinaus, so in der Gegend, wo wir über die Eisenbahnbrücke sind.
Gruß EbsEls