Freitag, Mai 04, 2012

Im Reich des schlafenden Königs

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31.3.2012, 13 km
Planmäßige Anreise mit dem Vindobona nach Wien-Meidling. Noch ist dieser Zug eine Empfehlung für Fahrradtouristen: Fahrradmitnahme von Hamburg-Altona bis Villach, leider über den Tag.

1.4.12, 93 km
Zum Einrollern wählen wir den Thermenradweg (Teil des Eurovelo #9 „Bernsteinweg“) auf dem Weg nach Süden. Anfangs pedalieren wir entlang des Wiener Neustädter Kanals, einem Denkmal der kaiserlich & königlichen Bemühungen für die Industrialisierung der Monarchie.
Der Türkensturz bei Seebenstein
DER TÜRKENSTURZ BEI SEEBENSTEIN
Im Jahre 1532 waren die Türken aufs neue in Ungarn eingefallen und weit ins Land vorgedrungen. Während ihre Hauptmacht die Festung Güns be­lagerte, brachen vereinzelte Horden auch in Österreich ein und gelangten auf ihren Raubzügen bis ins Pittental. Doch die Bauern von Seebenstein und Gleißenfeld taten sich zusammen, bewaffneten sich mit allerlei Hand­werksgerät und griffen die plündernden Scharen mit dem Mut der Verzweif­lung an. Es gelang ihnen auch, die Feinde zu zersprengen und aus dem Tal zu vertreiben.
Ein kleiner Trupp der Türken war dabei in den Wald oberhalb Seebensteins geraten und suchte sich auf versteckten Wegen der Rachsucht der zornigen Bauern zu entziehen. Da sah der Anführer der feindlichen Schar auf dem Weg vor ihm die lichte Erscheinung einer Frauengestalt. Voll Zorn über den letzten Misserfolg und in der Erwartung, hier leichte Beute zu finden, forderte der türkische Hauptmann seine Untergebenen auf, mit ihm dem Mädchen nachzujagen und es gefangen zunehmen. Lüstern und gierig eilten die Türken der Erscheinung nach, die vor ihnen floh, bis sie den Rand eines steilen Abgrundes erreicht hatten. Hier sprang die Heilige Jungfrau Maria - denn sie war es, die den Ungläubigen zum Verderben erschienen war - plötzlich zur Seite, während die Türken, blindlings weiter rennend, in die Tiefe stürzten, wo sie zerschmettert liegenblieben. Nur ein Mann blieb an einem Baum hängen und kam auf diese Weise mit dem Leben davon. Als man ihn gefangen vor den Anführer der Bauern brachte, erzählte er, wie die überirdische Erscheinung ihre Sinne verblendet und sie in den Tod geführt habe, dem er nur wie durch ein Wunder entronnen sei. (Quelle: Die schönsten Sagen aus Österreich, o. A., o. J., Seite 178)
In Grimmenstein in der Buckligen Welt finden wir hinter einem Spielgelände Platz für unsere Zelte.

2.4.2012, 62 km
Die erste Übung auf unserer Tour ist der Wechsel-Pass (980 m) hinüber in die Steiermark. Der Radweg ist jetzt als R12 gekennzeichnet. Das Profil bleibt bis St. Johann in der Haide bucklig.
Profil des steirischen Thermenradwegs R12: Vom Wechselpass bis Bad Radkersburg

Wir lernen Herrn Pußwald (fast 80) kennen. Ihm gehört das Kaufhaus und der Most-Schank hier. Die Urkunden über der Kasse bezeugen seine gesellschaftliche Präsenz als Bürgermeister a.D., Fremdenverkehrsobmann, Kirchenorganist und Jerusalem-Pilger. Er kann auf unsere Bitte hin, gegenüber auf dem kleinen Sportplatz zelten zu dürfen, sofort die richtigen Leute für die Erlaubnis anrufen. Ganz herzlichen Dank!
Übrigens sind das die letzten Maiskolben, 
die hier oben zum Trocknen hängen
Beim "Woaz schöln" wird das "Gschalla" bis auf zwei Blätter vom Kolben entfernt. Danach werden die verbliebenen Blätter von vier Kolben zusam­mengebunden. So wurde der Mais Jahr für Jahr im Wirtschafts­gebäude von Pußwald zum Trocknen aufgehängt, ehe der Kolben abgeriffelt und die Maiskörner als Futtermittel verarbeitet wurden. Nach getaner Arbeit gab es jedes Jahr frische Schmalzstrauben und Glühwein. "Das ,Woaz schöln' war nicht nur Tradition, sondern auch ein jährliches gesellschaftliches Ereignis in St. Johann", erzählt Pußwald mit ein wenig Wehmut. Quelle: Kleine Zeitung vom 18.10.2010.

3.4.2012, 81 km

Heute sollte es der wärmste Tag der Tour werden. Die Etappe erweist sich als weiter bucklige Radler-Kulturstrecke in eine bunte Frühlingswelt. Wir kommen am Rogner-Bad in Bad Blumau vorbei, das von der Friedensreich-Hundertwasser-Kommission ob seines Anstrichs lizenziert ist. Unsere Zelte bauen wir am Fluss Raab bei Fehring auf.

4.4.2012, 72 km

Bald ein Steak?
Unsere erste Einkehr erklingeln wir uns bei einer Straußenwirtschaft. Dies muss ich erklären: Wir sind in der Steiermark und es müsste Buschenwirtschaft heißen, wenn hier Einer seinen Wein verkaufen würde. Nein, hier werden alle Produkte aus dem Vogel Strauss angeboten. Ein Ei-rühert-Euch aus einem Ei vom Strauss entspricht einem Omelett aus 25 Hühnereiern, sage und schreibe 1,5 Liter. Das nenne ich rationelles Kochen. Aus den ca. 3,5 mm starken Schalen macht die Frau des Hauses allerlei Nutzloses zum Verschönern des Heims. Wir sind beim Straussenhof Donner.
Noch ein Huckel hinauf nach St. Anna am Aigen, dem Sitz der Gesamtsteirischen Vinothek, dann überqueren wir in Bad Radkersburg den Grenzfluss Mur und sind in Slowenien. Hier setzt sich das Hügelland als Süße Berge fort. Es dominiert der Obstbau und folglich auch der Obstbrand.

5.4.2012, 82,5 km
Rotunde des Hl. Johannes des Täufers in Muta
In Maribor erreichen wir die Drava / Drau, der wir nach einem Mittagessen beim freundlichen Chinamann (es gab bruzlige Ente für Helmut, weshalb er am Ende der Tour das als den kulinarischen Höhepunkt hinstellte) aufwärts folgten. Der Drauradweg führt hier sehr hoch in die Berge, wir nahmen den Straßenverkehr in Kauf, weil wir so auch öfter an einer pivnice halt machen können. Die Wetter­tendenz ist steil nach unten gerichtet. In der Zeit der Bofplatzsuche regnet es intensiv und wir lassen uns vom Gasthaus bei der Linde in Muta verleiten. Dieses Gasthaus befindet sich direkt neben der ältesten slowenischen Kirche, der Rotunde des Hl. Johannes des Täufers, die vom Papst Leon IX im Jahre 1052 geweiht wurde.
Am Abend erhalten wir nicht nur kulinarische und alkoholische Spezialitäten des slowenischen Kärntens (Koroška), sondern auch jede Menge Informationen über die Sehenswürdigkeiten dieser Region. Polona Simona, gestern hat sie ihren 30igsten gefeiert, macht uns mit ihrer Heimat bekannt. Helmut wird voll für die unglückliche steirische Klachlsuppe mit einem Pohorje Eintopf entschädigt. Es ist ein denkwürdiger Abend.

6.4.2012, 52 km

Eingang in den Glancnik-Stollen
Eine der empfohlenen Sehenswürdigkeiten steht heute auf unserem Plan – Der Glancnik-Stollen in den Petzen bei Mežica. In Prevalje finden wir aber erst einmal einen Radladen, wo Jens und Helmut sich ihre Bremsen erneuern lassen. Es wird sich heraus­stellen, dass das eine gute Entscheidung war. Doch es wird spät am Stollen. Wir sind zwar kurz vor 15 Uhr da, leider gibt es heute aber keine Befahrung mehr. Die Gewinnung von Blei und Zink hat im Meža-Tal eine über 400-jährige Tradition. Bei Žerjav gibt es noch einen Schacht mit angeschlossenem Hüttenbetrieb. Laut Rother Wanderführer Karawanken aus dem Jahr 1990 ist es das „Tal des Todes“.
Schacht und Hütte in Žerjav
In Črna na Koroškem ist der Wettertiefpunkt erreicht: Kalt, nass und ohne Hoffnung auf Besserung. Nach einigen Runden in Črna finden wir das Schild mit dem schlafenden Kralj Matjaž, das uns ein Appartement verspricht. Eine hilfsbereite Nachbarin ruft die Wirtsleute an und nach einigen Minuten beziehen wir das Ferienhaus. Noch am Abend reift der Beschluss hier bis Montag zu bleiben.
7.4.2012
Es wird der Tag der Bräuche und Legenden.
Gleich früh beim Morgenspaziergang fällt mir ein Mann auf, der an einem Draht ein rauchendes Etwas schwenkend mit schnellen Schritten die Straße rauf kommt. Er hat einen Baumpilz angezündet und vertreibt so die bösen Geister des Winters. Später sehen wir diesen Brauch noch im ganz großen Stil.
Dann kommen die Frauen mit Körben zur Kirche. Das ist die Speisensegnung. Hierzu wird das Essen für das Ostersonntagsfrühstück (Brot, Fleisch, 5 Eier, Meerrettich und Rotwein) am Ostersamstag in Körben in die Kirche gebracht und gesegnet. Die Speisen sind Symbole für Jesus Christus und die Kreuzigung.
Später kann ich auch zur Bildung von Legenden beitragen. Auf unserer kleinen Tour in die Seitentäler der Mežica unter dem Petzen besuchen wir eine Kneipe, wo wir sofort die gesegneten Eier dargeboten bekommen. Ich habe von Winni gelernt, wie man gekochte Eier ausbläst. Es gibt dafür stehende Ovationen der Gäste in der Kneipe. Vom Regen werden wir nach kurzer Zeit wieder in die Kneipe zurück getrieben. Die Wirtin reicht sofort mit dem Bier mir noch einmal den Korb, um vor den neuen Gästen das Kunststück zu wiederholen.
Der Berg Petzen
Einer hiesigen Legende nach wartet "König Matthias" (Kralj Matjaž) im Inneren des Berges Petzen mit seinen Getreuen auf eine Weltschlacht. Wenn sein Bart 9mal um den Tisch gewachsen ist, wird er kommen und alle Ungerechtigkeiten rächen.
Donnre, donnre, graue Petzen,
öffne deinen Felsenschlund!
Viel zu lang schon schläft das Heer des
Kralj Matjaž auf deinem Grund …
Heb das Schwert, entzünd das Feuer,
gib uns Freiheit, gib Courage!
Rette uns in Gottes Namen
vor dem Fremden – Kralj Matjaž!
Quelle: In der Verbannung/V pregnanstvu. In: Hartman, Milka: Der Frost verspinnt die Beete mir mit feinen Netzen. Aus dem Slowenischen von Erwin Köstler und Andrej Leben. Drava 2007, S. 16 – 17.

9.4.2012, 45 km
An einem solchen Tag muss man den Panorama-Weg unter der Olševa (Panoramska cesta Podolševa) fahren. Die Sonne regiert wieder den Himmel, die Berge sind mit Schnee bezuckert. Weiß-blaues Kaiserwetter.
Der Weg verläuft die Meža aufwärts in Richtung Koprivna, links weg zum Pass Spodnje Sleme. Ein Passat-Fahrer ist wieder umgekehrt und warnt: „Zu viel Schnee oben!“ Doch wir wollen selber sehen, selber auf den Pass. Da ist man dann auf ca. 1250 m.ü.A. bzw. m. i. J. Einige dutzend Meter habe ich dann wegen der Schneedecke bergab geschoben. Als ich aber sah, wie Helmut das in den Pedalen stehend meisterte, bin ich auch aufgesessen.
Dann auf dem Panorama-Weg guckt man in die Nordwände der Steiner- und Sulzbacher Alpen (Kamniško-Savinjske Alpe) – atemberaubend! Bei der Abfahrt nach Solčava zeigte sich die Nützlichkeit der Überholung der Bremsen vor ein paar Tagen in Mežica. Die kälteste Zeltnacht dann auf dem Autocamp Smica in Luče.


10.4.2012, 75 km
Keiner wankt in den Karawanken. Heute haben wir uns nochmal einen Pass vorgenommen, den Volovljek knapp über 1000 m. Eine besondere Belohnung war dann die Abfahrt hinunter nach Kamnik. Nun haben wir die Gegend Gorenjska Oberkrain erreicht. Auf dem Sportplatz von Podbrezje stehen dann unsere Zelte. 


11.4.2012, 36 km


Langsam aber sicher müssen wir unsere Rückkehr planen. Wir wollen uns auf dem Bahnhof in Jesenice (deutsch Aßling) informieren. Durch den Karawankentunnel gibt es aber nur noch D-Züge (ein einziger mit Fahrradtransport) und ganz früh ein Personenzug nach Rosental. Das hatte ich irgendwie anders in Erinnerung. Beim Kaffee in einer Konditorei schlägt Helmut die Fahrt über den Wurzenpass vor, um dann in Villach oder Klagenfurt in den Zug zu kommen, den wir in Wien am Samstag eh nach Dresden nehmen. So soll es denn sein. Wir fahren dann nur noch nach Dovje auf den Camping Kamne, den ich aus 2008 kenne. Das Wetter hat wieder einen Tiefpunkt erreicht. Als wir die „Alte Schmiede“, ein sehr schönes neues Restaurant verlassen, drascht es – hält fast die ganze Nacht über an. 

12.4.2012, 81 km

Vrata-Ta
Endlich hört der Regen auf – ich kann endlich pinkeln gehen. Was für eine Überraschung, der Vollmond steht über dem Triglav. Für die heutige Tour haben wir wieder Kaiserwetter.
Richtung Kranjska Gora gibt es dank dem 1967 stillgelegtem Teil der Rudolfsbahn ins italienische Tarvisio (Tarvis) einen schönen Radweg entlang der Save. Leider war dann auf dem Wurzenpass das Bunkermuseum noch geschlossen.
Kranjska Gora

Nachdem wir in Villach auf dem Bahnhof unsere Tickets für die Heimfahrt ab Klagenfurt gekauft haben, sind wir noch einige Kilometer die Drau abwärts gefahren. Hier gibt es eine Reihe von Denkmälern und Tafeln zum Kärntner Abwehrkampf 1918-1929
Hier der Text einer Tafel an der Drau bei St. Jakob im Rosental:

Im Zuge des Vordringens von SHS-Truppen ins Rosental wurde das Gebiet um St. Jakob im Rosental schon am 25. November 1918 besetzt. Die strategische Bedeutung dieses Raumes ergab sich daraus, dass hier mit dem Rosenbacher Eisenbahntunnel eine wichtige Verkehrsverbindung vorhanden war, die den SHS-Truppen Nachschubmöglichkeiten in personeller und materieller Hinsicht ermöglichte. Deshalb war dieses Gebiet besonders heftig umkämpft.
Schon am 6. Jänner 1919 wurden die SHS-Truppen im Raum Rosenbach, St. Jakob und Rosegg von Kärntner Abwehrkämpern (Gruppe Velden, Volkswehrkompanie Spittal, Rosegger und Maria Gailer Freiwillige) bis an das Nordportal des Rosenbacher Tunnels zurückgedrängt, ohne dass der Tunnel selbst genommen werden konnte. Der Bahnhof Rosenbach wurde besetzt.
Die amerikanische Miles-Kommission besuchte St. Jakob gleich zweimal (am 1. und 3. Februar 1919), um sich ein genaues Bild von der Situation und der zweigeteilten Stimmungslage in der Bevölkerung zu machen.
Nach dem Bruch des Waffenstillstandes am 29. April 1919 durch SHS-Truppen kam es auf der Linie Lavamünd-Rosenbach zu heftigen Kämpfen und zur neuerlichen Besetzung St. Jakobs. Schon am 30. April setzte die die Kärntner Gegenoffensive ein, in deren Verlauf es der Kärntenr Abwehr am 4. Mai 1919 gelang, das Nordportal des Rosenbacher Tunnels einzunehmen un den Eingang zu versperren.
Im Zuge der SHS-Generaloffensive ab 28. Mai 1919 mussten sich die Kärntner Abwehrkämpfer Anfang Juni 1919 in den Raum Faaker See zurückziehen, jedoch war die Volksabstimmung schon seit Mitte Mai 1919 in Paris beschlossene Sache.

So was schafft Wunden und Narben in der Seele der beteiligten Völker, die dann immer wieder aufreißen und heute im Streit um die Namensrechte für die Krainer Wurst und den Käsekrainer fort dauern.

13.4.2012, 46 km
Noch ein letzter Huckel und dann hinein nach Klagenfurt. Jens fragt die Taxifahrer nach einem Hotel und erhält die Empfehlung für die Pension Schmidt. Es ist dann die Pension „Alte Schmiede“ Nahe des Zentrums. Schee, guat und billi!

14.4.2012
Wir brechen zeitig früh 4:30 Uhr auf. Zum Glück rechtzeitig denn ich habe einen Plattfuß hinten. Aber geht noch: Es ist ein Schleicher, das Aufgepumpte hält bis zum Bahnhof. Wir bleiben mit den Rädern auf unseren Plätzen bis Dresden (bzw. Jens bis Berlin).

Sonntag, März 25, 2012

Lamento

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Am Baikal hieß es noch: „Ich komm' nicht hoch, ich komm' nicht runter!“. Am mittleren Märzwochenende nahm ich an einer Wanderung des Sachsen-Stammtisches des ODS teil. Jetzt stöhne ich: „Ich komm' nicht mehr mit!“ Der Plan der Tour sah eine Wanderung ins Böhmische Mittelgebirge rechtselbisch mit Start in Decin vor. Eine ähnliche Route gingen wir mal um den 1. Mai 2009.
Die Teilnehmer neben mir waren Gert alias Alibotusch und

Die erste Rast war am Aussichtsturm rozhledna bei Velký Chlum. Unser Weg führte diesmal nicht vorbei am Vrabinec (Sperlingsstein) hinunter zur Elbe, sondern wir blieben oben auf den Pferdekoppeln. Der kurze Verschnaufer in der Kneipe in Lesná reichte nicht für einen Bissen vom Proviant, sondern galt dem Durst löschen. Bei Rychnov ließ ich abreißen und legte mich für eine Vesper und ein Verdauungsschläfchen nieder. Die Freunde zeigten mir auf ihren Karten und GPS-Dingern noch ihre weiteren Pläne. Gerts und meine Empfehlung war das Zelten bei der Deciner Baude oben auf dem Bukova hora am Fernsehturm. Aber auch der Ort Zubrnice spielte eine Rolle in den Plänen, denn wenn die Baude oben geschlossen ist, braucht man Wasser. Wir verabredeten ein beliebiges „Anzeichen“ oben am Turm. Ich freute mich auf mein Päuschen und hoffte nun meinen eigenen Rhythmus zu finden.
Ohne dass ich mich von dem ausklingendem Volksfest in Rychnov ablenken ließ, erreichte ich zum Sonnenuntergang die Deciner Baude auf dem Bukova hora am Fernsehturm. Bei meiner Aufklärungsrunde habe ich keine „Anzeichen“ gefunden. Ein Mann am Weg zu unserem alten Zeltplatz, der mit einigen elektronischem Gerät rum hantierte, zeigte mir den roten Weg und meinte, da seien die deutschen Kameraden abgestiegen. 
Also stieg ich noch bis Zubrnice ab, immer auf der Suche nach dem Lager der Kameraden. Erst in der Dunkelheit traf ich in Zubrnice ein und gleich erst mal in die Kneipe. Dort vermittelten mir freundliche Leutchen einen Pensionsplatz. Ich kehrte noch einmal zu der Runde in der Kneipe zurück und erhielt einige interessante heimatkundliche Informationen. Die Sudeten nannten den Bukova hora nicht etwa Buchenberg, sondern Ziegenstein. Und der autoritäre Genießer auf dem Březňák-Logo erhielt einen Namen: Postmeister Ziebich. 1942 liefert die Brauerei Bier für Rommels Afrikakorps. Und wie schmeckt nun das Bier? So!
Mit dem 7Uhr-Glockenschlag der Kirche stiefelte ich am Sonntag dann auf dem rotem Weg weiter. Meine Vorstellung war, die Kameraden in ihrem Lager zu wecken. Ich hatte mir schon ein Lied überlegt. So oberhalb vom Bahnhof schwand dann aber die Hoffnung, dass ich das Lager finde. In dem kleinen Dörfchen Liskov lud mich ein guter Op' zu einer Vesper ein. Ich folgte dann dem grünen Weg (Empfehlung des Op') über den Sokolí hřeben nach Velké Březno. Mit der Bahn dann zurück nach Potschappel

Mittwoch, Oktober 05, 2011

Fünf Tage goldener Herbst

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Goldener Herbst
Roswitha, Helmut und ich nutzten die Chance des tollen Wetters für eine Tour auf die Kuppen des Český les, des Böhmischen Waldes. Dieses Gebirge heißt auf bayrischer Seite Oberpfälzer Wald. Ein Thüringen-Ticket bringt uns nach Cheb.
Egerländer Fachwerk
Auf den ersten Kilometern finden wir beeindruckende Höfe im Egerländer Fachwerk.
Wegweiser bei Zdar











Unser Weg führt entlang des Radweg #36. Ich bin ganz begeistert von der logischen und durchgängigen Ausschilderung des Radwegnetzes in Czech-Land. Mit ein- und zweistellige Nummern werden überregionale Wege bezeichnet, dreistellig steht für Tagestouren, vierstellig sind Verbindungen und Abstecher zu Sehenswürdigkeiten. Unterwegs findet man Hinweise auf den Weg immer an den erwarteten Stellen.

Nein, nicht Siebenbürgen: Tachov
In Tachov finden wir eine schöne Altstadt. Dann folgt der Weg #36 fast nur noch den alten Kolonnenwegen des ehemaligen Grenzstreifens. Die sind mehr oder weniger grob aphaltiert.


Die alten Kolonnenwege








Viele der Dörfer im Grenzstreifen waren überwiegend durch Deutsche besiedelt. Das sind seit '46 nur noch Wüstungen. Auf den Schildern wird Das euphemistisch "die verlorenen Dörfer" genannt.

Zelt nass vom Tau einpacken




Für unsere Zelte fanden wir immer schöne Plätze: In Broumov direkt im Dorf auf der Allmende neben dem Tennisplatz. Auf einer schönen Waldwiese mit röhrenden Hirschen ringsum und auf einem Biwakplatz am Berg Čerchov.

Am Fluss Regen




Bei Furth im Wald sind wir dann rüber nach Bayern.

In Regensburg reicht es noch für den Besuch der mittelalterlichen Wurstkuchl bevor die Regenwolken übernehmen.

Sonntag, Juli 10, 2011

Auf der Heimreise

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Blaj / Blasendorf: Vor den Sachsen waren schon die Römer da
8.7.11 Nach Alba Julia radeln
Hallo Detlef, soweit schaffe ich es nicht mehr bis Kosice ... obwohl ich das schon ein wenig ins Auge gefasst hatte. Ich bin bis die Nähe von Teius unseren Weg über Mediasch/Medias, Kleinkopisch/Copsa Mica und Blasendorf/Blaj geradelt. Praktisch wird kein Wein mehr angebaut im Kokeltal, nur noch privat bei ein paar Leutchen im Garten. Der Kokeltaler Altschloss ist also damit auch Geschichte. Aber er scheint 1996 auch schon nicht mehr geschmeckt zu haben.

Kneipe am Bahnhof in Alba: Mancher wird's kennen
9.7.11 Die Heimreise beginnt
Ich war noch kurz bei Costel im Geschäft in Alba Julia. Doch nur Monica, seine Frau, angetroffen. Er war zu irgendeinem Orientierungslaufen-Wettbewerb. Ich will mal hoffen, Schuhe verkaufen. Aber der Zug fuhr 11.30 Uhr am Sonnabend ab.



10.7.11 Wie ein Hai, immer in Bewegung
Ich bin jetzt in Budapest und habe für morgen einen Platz für mein Fahrrad in einem Zug nach Dresden bekommen. Ich will nicht weiter die Korruption bei unseren ehemaligen Bruderländern in der EU unterstützen. Bei den Rumänen hat das Fahrrad im Zug 50, bei den Ungarn dann nochmal 100 Lei Kaffeegeld gekostet, aber was soll's. Das Radl hatte eigentlich einen ganz ordentlichen Platz am Ende des Zuges mit vier Waggons. Doch wie immer, die Klimaanlage fiel ab Simeria aus, in Curtici haben sie sich nicht getraut den Wagen den Ungarn zu überlassen. Also Radl umladen, wieder guten Platz gefunden und nach dem Zugwechsel bei den Ungarn, fiel auch dort die Klimaanlage aus, eine Katastrophe.
Weinschorle an der Kleinen Donau
Hier in Budapest ist eine Affenhitze, 42°C zeigt die Anzeige am Gellert-Hotel. Da hat sich der Ebs wie der Hai verhalten, ständig in Bewegung bleiben und pedalieren. Ich war auf der großen Donauinsel im Süden der Stadt. Dort gibt es an der Kleinen Donau viele schőne Anglerkneipen.
Also, morgen sollte der Zug nach Fahrplan gegen 14 Uhr in Dresden sein.

Viele Grüße (bereits in Rückfahrklamotten)

Donnerstag, Juli 07, 2011

In Schässburg

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Mehburg / Beia
7.7.11 In Schässburg
Es hätte ein leichte Tour werden können. Doch wieder galt es, mich zu entscheiden zwischen einer Hauptstraße mit vielen LKW oder der siebenbürgischen Landschaft, mit einer Logistik auf Ceaucescu-Niveau. So habe ich einige weitere Kirchenburgen auf einer Nebenstrecke östlich der Europa-Straße nach Schässburg abgehakt und bin nach Merburg/Beia gekommen. Normalerweise gibt es aus diesem Dorf kein zurück. Ich bin mir sicher den Einzigsten mit Einkommen nach dem Weg heraus gefragt zu haben, er fuhr einen uralten Roller. Er wies mir den Weg nach Roades/Radeln, alle anderen Wege wären noch schlechter.
Auf dem Weg nach Radeln / Roades
Ich habe mich bestimmt durch 100 Schlammlöcher gekämpft, bis ich auf eine gute Forststraße gekommen bin. Diese Wanderung dauerte 3 Stunden. In Radeln dann die letzte Kirchenburg abgehakt. Die Erkundung im Dorf führte mich zu einem dieser zigeunerbunten Häuser, ein Fenster mit Brandmalen. Dort heraus schaute plötzlich eine Frau und ich glaubte, jetzt Hänsel und Gretel retten zu müssen. Ich traute mich nicht zu fotografieren.
Den Weg nach Bunesti zu Herrn Wagner gesucht. Der ist heute noch als Kirchenbeschließer in einem Prospekt aus dem Jahr 2005 ausgewiesen. Leider kannte den niemand von den Befragten in Bunesti. Seine Kneipe scheint es nicht mehr zu geben. Dann in Saschiz konnte ich aber mit einem ganz relaxten Herrn aus Nürnberg schwätzen, der jeden Sommer nach Saschiz in seinem Haus zurückkehrt. Dann wieder mit den LKW um die Wette bis Schässburg und mit großem Respekt mein Fahrrad auch die Schülertreppe hochgetrage, nun schon die zweite berühmte Treppe.
Die Küsterwohnung an der Bergkirche
Einige Fotos im letzten Büchsenlicht von der Küsterwohnung geschossen. Leider konnte ich den Namen auf dem Klingelschild nicht erkennen. Ein kleiner Zaun versperrt heute den Zugang. Aber sonst noch alles so wie damals, schluchz.
Ich bin im Hostel Nathans Villa untergekommen. Nathan ist ein '96er Schüler vom Haltrich/Gymnasium und ich kann mich mit ihm sehr gut auf deutsch unterhalten. Wir haben zwei Bier lang miteinander geschwätzt, sehr aufschlussreich.

Mittwoch, Juli 06, 2011

Im Burzenland

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2.7.2011 Wieder die Karpaten im Blick (115 km)
Heute steht eine Verbindungsetappe von Galati zu den Vorbergen der Karpaten an. Für eine Rumänien-Durchquerung bin ich bezüglich Karten nicht richtig vorbereitet. Ich muss erstmal eine vernünftige Straßenkarte kaufen. Gestern beim Abendspaziergang habe ich keine librarie (Buchhandlung) gefunden. Also suche ich jetzt die hier überall ausgezeichnete OMV-Tankstelle auf. Dort gibt es eine sehr gute Karte von ganz Rumänien (aufgeteilt auf vor und Rückseite, mit reichlicher Überlappung). Ein Tankstellenkunde weist mir auch gleich den rechten Weg Richtung Focsani, nachdem ich ihm auf meiner neuen Karte meinen Tourenplan erläutert habe.
Wieder die Karpaten im Blick
Bis nach Hanu Conachi folge ich der Hauptstraße nach Focsani, um dann links Richtung jud. Buzau (Râmnicu Sărat) abzubiegen. Der Name Hanu Conachi täuscht nicht, es gibt tatsächlich an dieser Abzweigung zwei schöne Gasthäuser. Ich setze mich in das hanul mit den meisten einheimischen Gästen. Es gibt ein schönes tocanita, mmmh. Das ist eine Art Bratkartoffel-Pfanne mit viel Zwiebel und Paprika, hier mal ohne Fleisch.
Jetzt bin ich endlich auf verkehrsarmen Straßen. Beim nächsten Bier in Tătăranu komme ich mit einem Maurer ins Gespräch, der sich schon in vielen Ländern Europas verdingt hat. Er gibt mir dann auch sehr eindringliche Ratschläge für die korrekte Wegführung nach Râmnicu Sărat. Es wird eine schöne Landpartie und nach wenigen Stunden kommen auch die ersten Berge der Karpaten in Sicht.
Ich komme mit vielen guten Leuten ins Gespräch, soweit eben meine paar Worte Rumänisch reichen. Mich beeindruckt die burschikose Wirtin mit dem flotten Kurz­haarschnitt, wie sie die ganzen angetüterten Kerle in Schach hält. Ich bin in einem Weingebiet, hier erhalte ich gespritzten Wein vom Hahn. In Râmnicu Sărat kündigt sich wieder ein Regen an, es ist Abend und ich nehme das Angebot der ausgezeichneten pensiunea an. Dort ist gerade eine Hochzeitsfeier im Gange, ich darf einen Kognak auf das Wohl des Brautpaars trinken, dann lässt man mich in Ruhe.


3.7.2011 Eine Sonntagstour
Ich erreiche gerade wieder von der Pension aus die Straße als der Regen einsetzt. Ich hoffe, dass das schnell vorüber ist und gehe in die Eckkneipe. Hier gibt es wieder eine gehaltvolle Weinschorle. Das war so gegen halb Neun. Der Regen hört erst kurz vor Elf auf. Wieviel Wein ich für die Überbrückung verkasematuckelte, bleibt mein Geheimnis.
raul Slanic
Gestern habe ich mich, auch hier im Tagebuch, über die Straßenkarte gefreut. Heute erkenne ich den wahren Wert dieser Karte. Ich suche mir die Straße DJ 203A und DJ 203K nach Nehoiu aus. Diese Strecke führt in das Gebiet, wo ich den Salzkarst vermute, den Karpaten-Willi so begeistert geschildert hat. Ab Mărgăriteşti hat der Regen den Weg ziemlich aufgelöst. Wenn auch mein Zelt wieder aufbaubereit ist, ich habe wieder einen Grund für eine pensiunea: Ich bin völlig vom aufgespritzten Dreck des Feldwegs mit der Nummer DJ 203A eingesaut. … und was für ein Glück: Bei Niculești finde ich das Werbeschild der Pension Gabriela in Vintila Voda. Hier liegt ein Tourismus-Prospekt des jud. Buzău aus und bestätigt, dass ich nicht mehr weit weg bin vom Salzkarst. Ich miete mich für zwei Nächte ein.


4.7.2011 Platoul Meledic
Der heutige Tag war der Erkundung des Salzkarsts auf dem Plateau Meledic gewidmet. Sozusagen ein Ruhetag, denn ich fahre nur mit der Lenkertasche am Rad in Richtung Săreni. Doch als ich gerade starte werde ich vom Wirt der Pension wieder zurückgeholt, es gibt erst ein tolles Frühstück țărănésc, nach Landessitte.
Ausgangs der comuna Mânzălești sehe ich die Salzberge „muntele de sare“. Nach dem reichlichen Regen gestern treten aber nur wenig weiße Salzflächen hervor.
Mein Höhlenführer
Ich folge den Wegweisern zur Pension „Meledic“ auf das Plateau. Hier gibt es eine reiche touristische Infrastruktur, die Pension und ein Zeltplatz mit Festwiese rund um den See Meledic. Leider musste ich erkennen, dass ich einen Tag zu spät gekommen bin. Eine ganze Schar Leute ist gerade mit dem Aufräumen nach dem gestrigen Folkfestival „Festivalul Slánicului" beschäftigt. Ein Mann zeigt mir den Weg zu einer großen Doline mit einer Salzhöhle. 
Höhle im Salzkarst
Er will mit mir dort durch kriechen, man käme auf einer anderen Seite wieder raus. Aber das ist mir zu fett, es sieht extrem schlammig aus am Eingang des Loches. Ich sehe mir die andere Seite an, indem ich über eine bunte Blütenwiese zur Nachbardoline gehe. Eine spektakuläre Landschaft! Unten im Tal des Slanic traue ich mir auch mal, das Salz zu kosten.
Salzkristalle



Abends in der Kneipe von Vintila Voda erlebe ich dann doch noch ein bisschen Volksmusik. Ein Op' kommt mit seinem HOHNER-Akkordeon vorbei und wird von meinem Tischnachbarn herangeholt. Kurz darauf trifft auch der Sohn der Kneiperin ein. Ihm gehört der KORG-Synthesizer im Thekenraum. Es beginnt ein ungleiches battle, der Op' kommt mit der unplugged Quetschkommode nicht gegen die Elektronik an. Er kommt wieder raus an unseren Tisch, ich spendiere ihm ein Cuicas-Bier und er spielt für mich „Sus sus sus, la munte sus“.


5.7.2011 Den Kartendichter verklagen
Für solche Wege ist das Rad gemacht
Heute will ich nun endlich den zweiten Teil nach Nehoiu im Tal des Buzau-Flusses schaffen, in meiner Karte als gelbe Straße DJ 203K eingezeichnet. Bis nach Lopotari ist auch alles o.k., bergauf, aber Asphalt. Die Abfahrt dann schon auf drum nemodernizat, nicht modernisierter Weg. Aber dafür ist mein Rad ja gebaut, immer noch nicht bedenklich. Doch dann die Abfahrt vom Ort Plaiu Nucului hinunter nach Gura Teghii ist nur noch von den Waldmaschinen zerwühlter Forstweg. Ein Autotourist, von dieser Karte dorthin gelockt, hat das Recht, den Kartendichter zu verklagen. Dass ich diesen Weg überhaupt gefunden habe, verdanke ich dem Bimmeln einer Herde. So konnte ich an einer Wegkreuzung auf die Hirten warten und nach dem rechtem Weg fragen. 
Durch die tiefen Schlammlöcher musste ich bergab schieben, einmal riss sich eine der Fronttaschen los und kullerte in eine 20cm tiefe Pfütze. War ich froh, als ich die ersten Häuser und eine vernünftige Straße wieder sah.
Mit einigen Bierhalts war es ein lockeres Pedalieren bis hinunter zur Nationalstraße #10 bei Nehoiu. Einsetzender Regen ließ mich in den Ort reinfahren, ich fand ein nettes Restarant, wo gerade eine kleine Brigadefeier stattfand. Nach den üblichen Fragen&Antworten zum Woher&Wohin ließ sich der Chef von seinem Sekretär mit mir fotografieren. An diesem Tag waren es wohl nur knappe 40 km.


6.7.2011 Das Burzenland erreicht
Vor gar nicht langer Zeit: Ein gewaltiger Erdrutsch
Heute galt es, die Karpaten endgültig zu überqueren. Das ist hier entlang des Buzau-Flusses hinüber ins Burzenland relativ leicht. Es gab nur am Siriu-Stausee einige kleine Anstiege. Mich hat jedoch viel mehr beschäftigt, dass das hier das seismisch aktivste Gebiet von Rumänien ist. Meine Pension letzte Nacht lag direkt unter dem Damm. Dass es hier einige Erdrutsche gegeben hat, war offensichtlich.
Kirchenburg in Tartlau: Die Fruchtkammern
Hinunter ins Burzenland (Țara Bârsei, das Binnenbecken um Brasov / Kronstadt) rollerte es durch eine schöne Abfahrt. Für den Schutz dieses Randes des ungarischen Königreiches vor den Tataren hat der König den Deutschen Ritterorden gerufen. Aber anders als in Ostpreußen erkannte er schnell den Expansionsdrang und schmiss ihn wieder raus. Die deutschen Siedler blieben und schützten sich durch den Bau von Burgen rund um ihre Kirche. Die wohl größte Kirchenburg finde ich gleich in Preijmer / Tartlau. An der Ringmauer weisen nach innen bis zu vier Stockwerke hoch die Pforten zu den Fruchtkammern. Jeder Hof von Tartlau fand bei Belagerung hier in seiner Kammer Zuflucht mit Vieh und Vorräten.
Harman / Honigberg: Hinten der Cuicas
Auch im Nachbarort Harman / Honigberg gibt es eine schöne Kirchenburg. Ich bin überrascht, dass noch so viele Gebetsbücher ausliegen. Denn praktisch sind zu den Wendezeiten alle Siebenbürgener Deutschen raus aus Rumänien. Ich frage einen Besucher, den ich für einen Burzenländer halte, wieviele Deutsche noch im Dorf leben: Siebenundsiebzig. So komme ich mit einem alten Honigberger ins Gespräch, der gerade aus Haßfurt zu Besuch ist. Er erläutert mir, weshalb an den Bänken, wo die Frauen sitzen, keine Lehnen dran sind – dies würde die Tracht zerstören. Zum Schluss zeigt er mir noch die alte Schule, die immer zu einer Siebenbürgischen Kirche dazu gehört. 
Die Völkerzüge im Mittelalter
Dort hängt eine alte rumänische Karte aus den Dreißigern. Darauf sind die Völkerzüge und Besiedelungen Rumäniens im Mittelalter dargestellt. Im Burzenland steht: cavalerii teutoni 1211 – 1225. Das war die Herrschaftszeit des Deutschen Ritterordens. Höggscht interessant.
Für den weiteren Weg wählte ich eine Nebenstraße am Olt entlang, die mich wieder ins jud. Covasna führte. Dieser Weg zeichnete sich dadurch aus, dass ich den Ciucas auch in echt am Horizont sah, nicht nur auf den braunen Flaschen. In einer Kneipe in Araci kam ich in Englisch mit dem Wirt ins Gespräch. Er stellte mir seinen Kumpel vor, Kandidat für das Bürgermeisteramt. Er kandidiere „für die Armen“. Wir diskutierten die Grundstückspreise in Deutschland und hier, sowie über das Renteneintrittsalter. Auf dem „Gebiet der Sachsen“ (jud. Brasov) kostet ein Haus ab 100.000€ aufwärts, hier im jud. Covasna nur die Hälfte. Bei Bod / Brenndorf bin ich an einem großen Investment in eine Eigenhaussiedlung vorbei gekommen. Plan und Preise auf der Bautafel hatten wirklich das Niveau von Jena in Thüringen. Nach dem Thema „Renteneintrittsalter“, wo Deutschland auch nicht besser als Rumänien abschnitt, fragte mich der Wirt, ob ich Kommunist wäre. Verunsichert verneinte ich. „Aber wir!“ freute sich der Kandidat für das Bürgermeisteramt. Ich habe noch zwei weitere bere Ciucas lang aufschlussreiche politische Gespräche geführt. Bei Măieruș fand ich wieder ein schönes Motel an der Europastraße E13.

Freitag, Juli 01, 2011

Der Fisch will schwimmen

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Deltalandschaft
1.7.11 Bine atvenite in Rumänien, EbsEls
Es gab heute morgen wieder die üblichen Probleme aus einer mittleren Stadt der Ukraine, hier Izmail, heraus zu kommen. Nach einigen Schleifen und Nachfragen lag der Weg ohne gescheites Frühstück vor mir. Eine Muttel öffnete gerade ihr magazin, es gab Kaffe und den großen Snickers. Bis zur Grenze liegen knapp 70 km vor mir, die Karte zeigt nur ein Dorf bis Reni am Weg. Aber es wird noch einmal sehr wässrig, will sagen, es geht noch einmal an den Rand des Deltas. Die Donau hat hier scheinbar einige Flüsse aus dem Norden mit einer Art Seitenmoränen abgeschlossen, so entstanden riesige Seen in Besarabien.
Das Wappentier des Deltas
Hier konnte ich auch einen Pelikan fotografieren. Nun sind die Big Two des Deltas abgehakt. Die Schilfflächen sind unvorstellbar groß und laut. Zu vorderst quaken die Frösche, dann diverse Vögel.
Im vorletzten Dorf der Ukraine gab es dann alles für mich: Einen achtziger Nagel als Innenschiene für mein Zeltgestänge und eine letzte große Spezialität aus der Ukraine.
Ich liebe ja mehr das Essen als das Arbeiten, und arbeiten beim Essen ist gar nicht mein Ding. Beim Fisch muss man meist arbeiten, weshalb Fisch eher selten auf meinem Speiseplan steht. Aber siehe vorgestern: Wir sind im Delta. In einem magazin in Reni gab es wieder jede Menge Fisch an der Kasse. Die Auswahl war groß, ich nahm 100 gr vom Teuersten, eine goldene Seite vom Brustteil eines mir unbekannten Fisches. Dass es das Brustteil war, sah man an der Flosse, die an jedem Teil dran war. Die Verkäuferin sortierte mir die Teile von ganz unten in die Tüte. Dazu nahm ich Brot und ein Bier, raslivnoe, heißt vom Fass. Hmmm, es war eine Köstlichkeit ersten Ranges. Das Ganze noch mal ... dann wollte der Fisch nur noch schwimmen. Was diese Spezerei für einen Durst macht, hätte ich nicht gedacht.
Transdnistrische Rubel - die nimmt einem keiner mehr ab
Um hier aus der Ukraine zu kommen, muss man nochmal für einige 100 Meter in  Moldawien einreisen. Die beiden Grenzstationen sind in Sichtweite. Dazwischen gibt es eine Kneipe mit Wechselstube. Dort holte ich mir für meine Grieven die ersten Lei für Rumänien. Den Rest moldawische Lei gab ich für Bier der dicken Kneiperin. Nur meine transdnistrischen Rubel nimmt mir keiner mehr ab. Die moldawische Grenzabfertigung macht mich erstmal ratlos, bis eine Grenzerin mir eine Stube zeigt, wo man einen kleinen Zettel erhält, auf dem man dann vier Stempel aus den anderen Stuben einsammeln muss. Das ist so wie in den frühen Computer-Abenteuerspielen. Ich bekam nur drei Stempel zusammen, da half mir wieder die Grenzerin und gab den Zettel dem Herausgeber, woraufhin sie meinen Pass erhielt. Dann bat sie mich in ihr Zimmer und fragte nach einem present. Nun hatte ich keinen transdnistrischen Wein mehr, und  das sprichwörtliche "mein Geschenk auspacken" schien mir auch unpassend. Ich stellte mich so lange dumm, bis sie mir meinen Pass gab und mich fortschickte.
Ich bin jetzt in Rumänien, in Galati, und habe immer noch großen Durst. Aber glaubt mir, Leute, Bier hilft bei Fischdurst garnicht. Selbst hier in Galati, bei den immer durstigen Hochöfnern von Arcelor Mittal gibt es für mich nicht genug. Es ist Freitagabend in Galati: Schöne Zigeunerinnen in langen glitzernden Röcken.
Jetzt nutze ich den Laptop im Hotel für diese Geschichte und kann mit der letzten Flasche Ciuc und einer Tüte Waffeln hoffentlich den Fisch besänftigen.