Mittwoch, Juli 06, 2011

Im Burzenland

2.7.2011 Wieder die Karpaten im Blick (115 km)
Heute steht eine Verbindungsetappe von Galati zu den Vorbergen der Karpaten an. Für eine Rumänien-Durchquerung bin ich bezüglich Karten nicht richtig vorbereitet. Ich muss erstmal eine vernünftige Straßenkarte kaufen. Gestern beim Abendspaziergang habe ich keine librarie (Buchhandlung) gefunden. Also suche ich jetzt die hier überall ausgezeichnete OMV-Tankstelle auf. Dort gibt es eine sehr gute Karte von ganz Rumänien (aufgeteilt auf vor und Rückseite, mit reichlicher Überlappung). Ein Tankstellenkunde weist mir auch gleich den rechten Weg Richtung Focsani, nachdem ich ihm auf meiner neuen Karte meinen Tourenplan erläutert habe.
Wieder die Karpaten im Blick
Bis nach Hanu Conachi folge ich der Hauptstraße nach Focsani, um dann links Richtung jud. Buzau (Râmnicu Sărat) abzubiegen. Der Name Hanu Conachi täuscht nicht, es gibt tatsächlich an dieser Abzweigung zwei schöne Gasthäuser. Ich setze mich in das hanul mit den meisten einheimischen Gästen. Es gibt ein schönes tocanita, mmmh. Das ist eine Art Bratkartoffel-Pfanne mit viel Zwiebel und Paprika, hier mal ohne Fleisch.
Jetzt bin ich endlich auf verkehrsarmen Straßen. Beim nächsten Bier in Tătăranu komme ich mit einem Maurer ins Gespräch, der sich schon in vielen Ländern Europas verdingt hat. Er gibt mir dann auch sehr eindringliche Ratschläge für die korrekte Wegführung nach Râmnicu Sărat. Es wird eine schöne Landpartie und nach wenigen Stunden kommen auch die ersten Berge der Karpaten in Sicht.
Ich komme mit vielen guten Leuten ins Gespräch, soweit eben meine paar Worte Rumänisch reichen. Mich beeindruckt die burschikose Wirtin mit dem flotten Kurz­haarschnitt, wie sie die ganzen angetüterten Kerle in Schach hält. Ich bin in einem Weingebiet, hier erhalte ich gespritzten Wein vom Hahn. In Râmnicu Sărat kündigt sich wieder ein Regen an, es ist Abend und ich nehme das Angebot der ausgezeichneten pensiunea an. Dort ist gerade eine Hochzeitsfeier im Gange, ich darf einen Kognak auf das Wohl des Brautpaars trinken, dann lässt man mich in Ruhe.


3.7.2011 Eine Sonntagstour
Ich erreiche gerade wieder von der Pension aus die Straße als der Regen einsetzt. Ich hoffe, dass das schnell vorüber ist und gehe in die Eckkneipe. Hier gibt es wieder eine gehaltvolle Weinschorle. Das war so gegen halb Neun. Der Regen hört erst kurz vor Elf auf. Wieviel Wein ich für die Überbrückung verkasematuckelte, bleibt mein Geheimnis.
raul Slanic
Gestern habe ich mich, auch hier im Tagebuch, über die Straßenkarte gefreut. Heute erkenne ich den wahren Wert dieser Karte. Ich suche mir die Straße DJ 203A und DJ 203K nach Nehoiu aus. Diese Strecke führt in das Gebiet, wo ich den Salzkarst vermute, den Karpaten-Willi so begeistert geschildert hat. Ab Mărgăriteşti hat der Regen den Weg ziemlich aufgelöst. Wenn auch mein Zelt wieder aufbaubereit ist, ich habe wieder einen Grund für eine pensiunea: Ich bin völlig vom aufgespritzten Dreck des Feldwegs mit der Nummer DJ 203A eingesaut. … und was für ein Glück: Bei Niculești finde ich das Werbeschild der Pension Gabriela in Vintila Voda. Hier liegt ein Tourismus-Prospekt des jud. Buzău aus und bestätigt, dass ich nicht mehr weit weg bin vom Salzkarst. Ich miete mich für zwei Nächte ein.


4.7.2011 Platoul Meledic
Der heutige Tag war der Erkundung des Salzkarsts auf dem Plateau Meledic gewidmet. Sozusagen ein Ruhetag, denn ich fahre nur mit der Lenkertasche am Rad in Richtung Săreni. Doch als ich gerade starte werde ich vom Wirt der Pension wieder zurückgeholt, es gibt erst ein tolles Frühstück țărănésc, nach Landessitte.
Ausgangs der comuna Mânzălești sehe ich die Salzberge „muntele de sare“. Nach dem reichlichen Regen gestern treten aber nur wenig weiße Salzflächen hervor.
Mein Höhlenführer
Ich folge den Wegweisern zur Pension „Meledic“ auf das Plateau. Hier gibt es eine reiche touristische Infrastruktur, die Pension und ein Zeltplatz mit Festwiese rund um den See Meledic. Leider musste ich erkennen, dass ich einen Tag zu spät gekommen bin. Eine ganze Schar Leute ist gerade mit dem Aufräumen nach dem gestrigen Folkfestival „Festivalul Slánicului" beschäftigt. Ein Mann zeigt mir den Weg zu einer großen Doline mit einer Salzhöhle. 
Höhle im Salzkarst
Er will mit mir dort durch kriechen, man käme auf einer anderen Seite wieder raus. Aber das ist mir zu fett, es sieht extrem schlammig aus am Eingang des Loches. Ich sehe mir die andere Seite an, indem ich über eine bunte Blütenwiese zur Nachbardoline gehe. Eine spektakuläre Landschaft! Unten im Tal des Slanic traue ich mir auch mal, das Salz zu kosten.
Salzkristalle



Abends in der Kneipe von Vintila Voda erlebe ich dann doch noch ein bisschen Volksmusik. Ein Op' kommt mit seinem HOHNER-Akkordeon vorbei und wird von meinem Tischnachbarn herangeholt. Kurz darauf trifft auch der Sohn der Kneiperin ein. Ihm gehört der KORG-Synthesizer im Thekenraum. Es beginnt ein ungleiches battle, der Op' kommt mit der unplugged Quetschkommode nicht gegen die Elektronik an. Er kommt wieder raus an unseren Tisch, ich spendiere ihm ein Cuicas-Bier und er spielt für mich „Sus sus sus, la munte sus“.


5.7.2011 Den Kartendichter verklagen
Für solche Wege ist das Rad gemacht
Heute will ich nun endlich den zweiten Teil nach Nehoiu im Tal des Buzau-Flusses schaffen, in meiner Karte als gelbe Straße DJ 203K eingezeichnet. Bis nach Lopotari ist auch alles o.k., bergauf, aber Asphalt. Die Abfahrt dann schon auf drum nemodernizat, nicht modernisierter Weg. Aber dafür ist mein Rad ja gebaut, immer noch nicht bedenklich. Doch dann die Abfahrt vom Ort Plaiu Nucului hinunter nach Gura Teghii ist nur noch von den Waldmaschinen zerwühlter Forstweg. Ein Autotourist, von dieser Karte dorthin gelockt, hat das Recht, den Kartendichter zu verklagen. Dass ich diesen Weg überhaupt gefunden habe, verdanke ich dem Bimmeln einer Herde. So konnte ich an einer Wegkreuzung auf die Hirten warten und nach dem rechtem Weg fragen. 
Durch die tiefen Schlammlöcher musste ich bergab schieben, einmal riss sich eine der Fronttaschen los und kullerte in eine 20cm tiefe Pfütze. War ich froh, als ich die ersten Häuser und eine vernünftige Straße wieder sah.
Mit einigen Bierhalts war es ein lockeres Pedalieren bis hinunter zur Nationalstraße #10 bei Nehoiu. Einsetzender Regen ließ mich in den Ort reinfahren, ich fand ein nettes Restarant, wo gerade eine kleine Brigadefeier stattfand. Nach den üblichen Fragen&Antworten zum Woher&Wohin ließ sich der Chef von seinem Sekretär mit mir fotografieren. An diesem Tag waren es wohl nur knappe 40 km.


6.7.2011 Das Burzenland erreicht
Vor gar nicht langer Zeit: Ein gewaltiger Erdrutsch
Heute galt es, die Karpaten endgültig zu überqueren. Das ist hier entlang des Buzau-Flusses hinüber ins Burzenland relativ leicht. Es gab nur am Siriu-Stausee einige kleine Anstiege. Mich hat jedoch viel mehr beschäftigt, dass das hier das seismisch aktivste Gebiet von Rumänien ist. Meine Pension letzte Nacht lag direkt unter dem Damm. Dass es hier einige Erdrutsche gegeben hat, war offensichtlich.
Kirchenburg in Tartlau: Die Fruchtkammern
Hinunter ins Burzenland (Țara Bârsei, das Binnenbecken um Brasov / Kronstadt) rollerte es durch eine schöne Abfahrt. Für den Schutz dieses Randes des ungarischen Königreiches vor den Tataren hat der König den Deutschen Ritterorden gerufen. Aber anders als in Ostpreußen erkannte er schnell den Expansionsdrang und schmiss ihn wieder raus. Die deutschen Siedler blieben und schützten sich durch den Bau von Burgen rund um ihre Kirche. Die wohl größte Kirchenburg finde ich gleich in Preijmer / Tartlau. An der Ringmauer weisen nach innen bis zu vier Stockwerke hoch die Pforten zu den Fruchtkammern. Jeder Hof von Tartlau fand bei Belagerung hier in seiner Kammer Zuflucht mit Vieh und Vorräten.
Harman / Honigberg: Hinten der Cuicas
Auch im Nachbarort Harman / Honigberg gibt es eine schöne Kirchenburg. Ich bin überrascht, dass noch so viele Gebetsbücher ausliegen. Denn praktisch sind zu den Wendezeiten alle Siebenbürgener Deutschen raus aus Rumänien. Ich frage einen Besucher, den ich für einen Burzenländer halte, wieviele Deutsche noch im Dorf leben: Siebenundsiebzig. So komme ich mit einem alten Honigberger ins Gespräch, der gerade aus Haßfurt zu Besuch ist. Er erläutert mir, weshalb an den Bänken, wo die Frauen sitzen, keine Lehnen dran sind – dies würde die Tracht zerstören. Zum Schluss zeigt er mir noch die alte Schule, die immer zu einer Siebenbürgischen Kirche dazu gehört. 
Die Völkerzüge im Mittelalter
Dort hängt eine alte rumänische Karte aus den Dreißigern. Darauf sind die Völkerzüge und Besiedelungen Rumäniens im Mittelalter dargestellt. Im Burzenland steht: cavalerii teutoni 1211 – 1225. Das war die Herrschaftszeit des Deutschen Ritterordens. Höggscht interessant.
Für den weiteren Weg wählte ich eine Nebenstraße am Olt entlang, die mich wieder ins jud. Covasna führte. Dieser Weg zeichnete sich dadurch aus, dass ich den Ciucas auch in echt am Horizont sah, nicht nur auf den braunen Flaschen. In einer Kneipe in Araci kam ich in Englisch mit dem Wirt ins Gespräch. Er stellte mir seinen Kumpel vor, Kandidat für das Bürgermeisteramt. Er kandidiere „für die Armen“. Wir diskutierten die Grundstückspreise in Deutschland und hier, sowie über das Renteneintrittsalter. Auf dem „Gebiet der Sachsen“ (jud. Brasov) kostet ein Haus ab 100.000€ aufwärts, hier im jud. Covasna nur die Hälfte. Bei Bod / Brenndorf bin ich an einem großen Investment in eine Eigenhaussiedlung vorbei gekommen. Plan und Preise auf der Bautafel hatten wirklich das Niveau von Jena in Thüringen. Nach dem Thema „Renteneintrittsalter“, wo Deutschland auch nicht besser als Rumänien abschnitt, fragte mich der Wirt, ob ich Kommunist wäre. Verunsichert verneinte ich. „Aber wir!“ freute sich der Kandidat für das Bürgermeisteramt. Ich habe noch zwei weitere bere Ciucas lang aufschlussreiche politische Gespräche geführt. Bei Măieruș fand ich wieder ein schönes Motel an der Europastraße E13.

1 Kommentar :

DS in Jena hat gesagt…

Hallo Ebs,

Deine Batterie ist leer? Dann musst Du nach D zurückkommen.

Es grüßt Dich Detlef

... und allzeit ein kühles Bier wünsche ich Dir, denn Durst (Fisch will schwimmen!) ist schlimmer als Heimweh.