Samstag, Juni 30, 2018

In Devin

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Der Letzte im Monat ist immer noch ein Regentag, wenn auch die Sonnenzeiten sich an die Stundengrenze annähern. Es hat heute Vormittag zu einem Spaziergang in eine Schlucht oberhalb von Devin gereicht. Das Hochwasser der Devinska Reka hat aber das Weiterkommen verhindert. 
Schlucht der Devinska reka
Vor 10 Jahren hätte ich vielleicht die glibbrigen Steine noch für günstig hingelegt empfunden und die 50 m überwunden, wo der Kunststeig durch die Schlucht sich fortsetzte. 
Lakata - Schlucht der Devinska reka
Dieser Abschnitt der Schlucht wird “Lakate” genannt und ist bei diesem Hochwasser sehr beeindruckend. Seitwärts geht noch ein Pfad zu einem Wasserfall hoch in die Wand, doch dieser Weg schien unter diesen Umständen auch nicht begehbar zu sein.
Also widme ich mich an diesem schaurigen Nachmittag, es drascht gerade, einer Sache, die immer geht: Der hiesigen Küche. Ich sitze in einer mechana mit viel Ethno-Musik. Natürlich dominiert der Grill - “skara”. Aber da übertreibt der bulgarische Grillmeister an sich es oft und das Fleisch ist sehr durch und tot. Die Salate sind in der Regel diverse Variationen des Schopski Salat. Aber es gibt auch tolle Überraschungen unter den Salaten, dann mit mehrheitlich Käse, eine Spezialität der Rhodopen. Persönlich liebe ich leider ja Gebackenes, auch da bin ich hier richtig. Ich habe mir schon öfters als Mezes zum Bier Parlenka po Rhodopski bestellt. Das ist eine Art Pizzateig bestreut mit weißem Käse - sirene … oder gerade eben mit Knoblauch. Tatsächlich findet sich auf den Speisekarten die Rubrik “mezeta”, also Kleinigkeiten zum Getränk. Gestern wählte ich daraus “sudshuk”. Es war eine gegrillte Wurst (ringförmig), für deren Würze sich kein Thüringer Rostbratwurst-Fleischer hätte schämen brauchen.

Mittwoch, Juni 27, 2018

Regentage

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So sieht es gerade aus meinem Fenster in der хижа Тешел aus.
Das sind jetzt die vom Abt angekündigten Regentage. Gestern reichten die drei blauen Flecken in den Wolken für einen Radausflug hinauf nach Jagodina und bis Buinovo. Der Buinovo Shdrelo (Buinovo Canon) ist beeindruckend. Mit dem Weitwinkelobjektiv konnte ich hoffentlich mehr Motive aus der Schlucht einfangen als vor drei Jahren.
Schlucht Buinovsko Shdrelo: Straße nach Yagodina und Blick auf den Orlovo Oko
In Jagodina: Oben am Orlovo oko braut sich Regen zusammen
Eine wesentliches touristisches Angebot für den Touristen ist eine Fahrt mit dem Jeep zum Orlovo oko, dem Auge des Adlers. Das ist ein Steg hinaus über eine Felswand über der Schlucht Buinovsko Shdrelo.
Mein sommerlich optimistisches Weltbild von Bulgarien hat mich zu einer Ausrüstung verleitet, die diesem Wetter nur sehr wenig gerecht wird. Mal sehen, was ich heute anstellen kann...
Ich bin nicht weit gekommen, nur hinauf nach Gyovren. Dort konnte ich hören, das es tatsächlich die Großmütter sind, die die türkische Sprache an die Enkel weiter geben. Ein Ömchen hat der Enkeltochter etliche Artikel aus dem Lebensmittelladen erläutert. Die Kleine war noch nicht in der Schule. So wie es der Wirt aus der Mjelnitsa erzählt hat.
Furt bei Gyovren zum Weg nach Mugla durch das Reservat "Kasanite" vor dem Regen
Am nächsten Tag ist die Furt nicht mehr ohne weiteres begehbar.

Es ist bereits Freitag, 29. Juni.
Nach Devin nur sprungweise vorgearbeitet, sobald sich ein blaues Loch am Himmel zeigte. Ich muss wohl laut der Wetterkugel im Internet noch bis Sonntag rumgammeln, bevor es wieder auf Tour gehen kann. Dann über Smolyan zum Tal des Arda-Flusses, da sind zwei ordentliche Pässe.
Nastan unter einem blauen Loch im Himmel

Montag, Juni 25, 2018

Ein Wiedersehen in der alten Mühle

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Nun lasse ich es doch ruhig angehen und habe den "tschechischen Weg" verlassen. Auf der Straße von Dospat hierher in alte Gefilde nach Teschel. am Ortsausgang von Dospat entdecke ich eine seltsame Art von Ackerbau.
Es werden wohl Pilze angebaut: eine Erklärung findet Ihr hier und den folgenden Posts
Bestärkt in dieser Entscheidung hat mich der ständig drohende Regen und ein Forstingenieur in Zmeitsa:. "Nehme die Asphaltstraße!" 
Kemera-Brücke über die Sarnena reka bei Zmeitsa - gebaut im römischen Stil im 17. Jhdt.
Ein Selfie
Ich habe mich diesmal in die neue хижа Тешел, eine Berghütte des bulgarischen Touristenverbands BTS, für drei Nächte eingemietet. Das ist ein perfektes Basislager auch für Wanderer in dieser wunderbaren Region mit den Schluchten Trigradsko und Buinovsko shdrelo.
Rasante Abfahrt von Borino in die Schluchten
Nur muss der Wanderer hoch modern gerüstet sein. Ich fand am Beginn eines Eko-Trails von Dospat nach Koschari einen Wegweiser ausschließlich mit QR-Code und einem RFID-Chip für NFC. Da nützt selbst die Kenntnis der kyrillischen Schrift nix. Man braucht den siebten Sinn eines Smartphones, um sich den GPX-Treck runterzuladen. Unterwegs wohl kaum noch Wegweiser, der moderne bulgarische Wegewart läuft den Weg einmal ab und nimmt den Treck auf. Es braucht dann keine Farbe an den Bäumen oder Wegweiser aus dem letzten Jahrtausend.
In der alten Mühle
Gerade bin ich von einer kleinen Abendausfahrt zurück. Ich besuchte die "Barbecue Melnitsata" bei Giovren, ein Dorf bulgarischer Türken. Dort war ich vor drei Jahren schon. Ich konnte mich recht ordentlich mit dem Wirt unterhalten. Er fragte mich nach den vielen Türken in Deutschland und, ob ich türkisch könnte. Ich zeigte ihm meinen Google-Übersetzer mit Türkisch. Es stellte sich heraus, dass er zwar türkisch spricht, es aber nicht schreiben kann. Die Sprache der Pomaken wird nur noch von den Müttern und Großmüttern mündlich überliefert. In der Schule lernen die Kinder seit 100 Jahren alle ausschließlich bulgarisch.
Für meinen Ausflug in das Reservat Kasanite warnte er mich vor Bären und den ca. 80 cm langen giftigen Schlangen.

Das Massaker in Batak und eine schöne Frau

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Ich bin jetzt auf 1000 m.ü.d.M geklettert. Ich bin in Batak. Hier gibt es eine offensichtlich alte Kirche. Wie schon in Peschtera muss man einen Meter hinuntersteigen, um durch das Portal die Kirche zu betreten. 
Die Kirche Sweta Nedelja in Batak
Erstmal sieht alles orthodox normal aus, bis mir die zwei Sarkophage auffallen, gefüllt mit Schädeln, viele mit mächtigen Löchern in der Schädeldecke. Es ist der Ort einer der größten Wunden, die die osmanische Herrschaft der bulgarischen Nation beigebracht haben. Während der Jahrhunderte der Türkenbesetzung konnten sich die reichen Holzhändler von Batak freikaufen, es war eine Insel des Christentums im Land der Pomaken. 1876 zur Zeit der bulgarischen Wiedergeburt dachten einige der Bürger, dass man sich endlich befreien könnte und den Tribut sparen. Nach einiger Zeit merkten die Osmanen, da stimmt was nicht. Sie schickten eine Armee aus 8000 Soldaten, dazu Freischärler, Banditen, die Başı Bozuk. Wieder handelten die Kaufleute einen Waffenstillstand aus und gaben einen Großteil ihrer Waffen ab. Das war das Zeichen für die Başı Bozuk zum Plündern, Brandschatzen und Morden. Einer der letzten Zufluchtstellen war die Kirche "Sweta Nedelja". Die Frauen gruben in der Kirche einen Brunnen auf der Suche nach Wasser.
Aus dem Bericht des amerikanischen Korrespondenten MacGahan der "Daily News"
Ein Korrespondent der englischen "Daily News" schätzte damals die Zahl der Toten auf 7000 in Batak. In der Kirche ist ein Foto zu sehen, dass die Gebeine ausgebreitet auf dem Boden der Kirche zeigt. 130 Jahre später entzündet sich in Bulgarien ein Bilderstreit - das Bild ist inszeniert.
Dann wird weiter geklettert, es werden in Summe seit Peschtera oben auf dem Pass Kapelna über 1000 Höhenmeter sein. Zweimal gab es Abschnitte mit 9% ausgezeichnet - den zweiten Abschnitt habe ich geschoben. Den Pass konnte ich schon von weiten hören, die dumpfen Bässe bulgarischer Diskomusik stampften durch den Wald. Oben gibt es eine neue Hütte mit Eko-Kamping, ein Holzzuber-Spa und eine Sauna auf der Wiese. Hier hatten sich für das Saturday-Night-Fever eine Gruppe junge Leute eingemietet. Einer der Wortführer entschuldigte sich auch gleich: "Maybe noisy!", ich könnte mein Zelt oben am anderen Ende aufstellen. Es stellte sich heraus, dass die Wirtin der Hütte, jedenfalls hat sie mir Bier gezapft und Waffeln verkauft, die bulgarische Helene Fischer war. Die hat dann am Abend playback zu Musik, gestreamt über Wifi auf ein Samsung-Phone und verstärkt durch zwei mächtige Boxen eine große Show abgezogen. Selbst mir alten Tanzbär zuckte das Twistbein. Als ich mich von der Bande mit "Leke noc" verabschiedet habe, hat die Künstlerin mir so tief in die Augen geschaut, dass ich die ganze Nacht im Zelt von ihr geträumt habe.
Nicht wegen der Träume, sondern wegen der Kälte habe ich schlecht geschlafen im Zelt. Trotzdem habe ich mich durch den abwechslungsreichen Wald der Rhodopen geholpert, teilweise geschoben. Es kommen Zweifel, ob ich tatsächlich den Empfehlungen der Tschechen auf mapy.cz, die das als Radweg ausgewiesen haben, folgen kann. Nach dem kleinen Stausee "Toschkov Tschark" bin ich jetzt am großen wunderschönen Stausee "Schiroka Poljana" gelandet. Hier gibt es endlich Angebote für ein Frühstück zur Mittagszeit.
Der Weg nach Toshkov chark (Тошков чарк)
Am Stausee Shiroka Poljana
Nachdem ich den "tschechischen" Radweg einige hundert Meter inspiziert habe, beschloss ich doch lieber auf die Straße #37 nach Dospat zu wechseln. 
Stausee Dospat
Dort bin ich in ein kleines Familien-Hotel eingecheckt. Deren Bett war genauso hart wie letzte Nacht meine Isomatte im Zelt.

Samstag, Juni 23, 2018

Vom Gewitter geblockt

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Vor dem Start mit dem Rad noch unbedingt notwendige Vorkehrungen für eine Tour getroffen: Lewa aus dem Automaten geleiert und Wasser gespeichert. Es wird bergauf gehen, anfangs moderat, aber heiß und trocken. Im Dorf Radilovo finde ich im Schatten des Dorfparks einen Kiosk für die erste große Pause. Gegenüber ist ein klitze kleiner Laden für 1000 kleine Dinge des täglichen Bedarfs. Man kommt keinen Meter in den Laden rein, dann tritt man in die Auslagen der Waren. Am Nachbartisch des Kiosks sitzen drei alte Weiber. Eine lässt sich vom Ladenbesitzer diverse Hygienepapiere zur Ansicht bringen. Ihre Freundinnen sind von den Servietten auch begeistert. Der Ladenbesitzer kann jeder was verkaufen. So muss das mal begonnen haben, die Erfindung der Tupperware-Parties.
Antike byzantinische Festung Peristera
In Peschtera lasse ich mich von einem Schild zur Festung Peristera leiten. Noch um 2000 war das ein Hügel verwachsen mit stacheligen Gebüschen. Dann kamen die Archäologen und fanden bei umfangreichen Ausgrabungen ganze Lager von Amphoren, die antiken Kühlschränke, und jede Menge Münzen aus römischer Zeit, auch Goldmünzen. Nach dem Abschluss der Grabungen hat man die Mauern der Festung nachgebaut, so dass eine beeindruckende Museumsanlage entstanden ist.
Nach einer kleinen Selektion bulgarischer panierter Käse zum Mittagsmahl wurde ich von der Kellnerin zum Besuch des nächsten Museums eingeladen. Schon auf der Festung hingen zwischen den Amphoren Werbebanner für eine Ausstellung sozialistischer Automobile. Garniert sind fast alle Autos des bulgarischen Sozialismus mit weiteren Waren aus der Zeit: Cognac "Slanchev Brjag", Zigaretten "STEWARDESS", die Marke meiner Jugendsünden und einigen Geräten aus Klingenthal, die Triola.
Kindheitserinnerungen oder Vergangenheitsbewältigung? Dinko Kuschews privates Museum in Peschtera
Am Nachmittag habe ich dann nur noch ca. 5 km in Richtung Batak geschafft, dann kam ein mächtiges Gewitter in den Rhodopentälern. Bin zurück hier nach Peschtera geflüchtet.
Peschtera: Die alte Moschee (17. Jhdt.) und der Stundturm

Freitag, Juni 22, 2018

Ein Busreise nach Pazardshik, Bulgarien

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Ich liebe es, wenn ein Plan aufgeht. Der Racic-Bus erreichte die internationale Haltestelle an der Bayrischen Starße hinter dem Dresdner Hauptbahnof mit einer reichlichen Stunde Verspätung. Der Abt (aka Gert, aka Alibotusch) und ein durch den "stärksten Magneten der Welt" nach Deutschland verschlagenen Bulgaren verkürzten mir die Zeit. Der stärkste Magnet der Welt ist die Liebe, ein Sprichwort aus Raslog am Pirin, dem Heimatort des Bulgaren. Das Rad konnte im Gepäckraum des MAN-Lions-Bus gut verpackt werden und los ging's…
In Pazardshik hatten die drei Fahrer die Verspätung wieder aufgeholt, trotz der zwei Übergänge an der EU-Außengrenze zu Serbien. Die Passagiere mussten persönlich am Grenzschalter sich vorstellen. Ich bin ja so dankbar, dass ich einen Ausweis habe, der was gilt.
Die Dulle, als höchster Trumpf des Kartenspiels Doppelkopf, auf dem Pflaster von Pazardshik nehme ich als gutes Zeichen für meine Tour in die Rhodopen.

Sonntag, Oktober 29, 2017

Herwart auf dem Jeschkenkamm

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28. - 30.10.2017; Teilnehmer: Der Abt, Ralf, Manne, Helmut, Jenser und EbsEls

Endlich war es soweit, es dämmerte, ich konnte aufstehen. Pinkeln war schon seit drei Stunden notwendig. Nun also endlich aufstehen.
Gestern Abend in der Kneipe der Chata Pláně pod Ještědem hat die Wirtin uns immer wieder vor dem herannahenden Sturm mit 130 km/h gewarnt, sie wies bei jedem Wetterbericht auf den Fernseher. Einen Platz in ihrer Herberge wollte sie uns aber nicht anbieten. Ralf fand auf der Leeseite des Jeschkenkamms einige moosige Plätzchen im Wald für unsere Zelte, dann gleich in der späten Dämmerung dort aufgebaut.
Der auch noch am Morgen mächtige Sturm riss mir den Apsidenvorhang des Hubba Hubba aus der Hand, die Böe blies zwei Liter Graupelregen in mein Zelt. Der Häring zum wieder Abspannen des Zeltes war nicht mehr im Laubblatthumusboden zu finden. In Unterhosen bei immer wiederkehrenden Böen mit Graupelschauer begann ich mit den Abriss des Zeltes. Plötzlich spreißelte 20 m hinter mir Holz, ein Baum knickte ab und krachte zu Boden. Dem einem Gott zum Dank, nicht auf die Zelte meiner Freunde, die noch in ihre mehr oder weniger trockenen Schlafsäcke gekuschelt, auf das Ende des Regens warteten. Ich fand einen halbwegs windschattigen Platz bei der anderen Herberge, um meine sieben Sachen mit klammen Fingern notdürftig zu ordnen. Die Temperatur lag knapp über dem Gefrierpunkt. Der windschattige Platz bot uns auch ein paar Bänke und Tische für das Frühstück. Wir setzen unsere Wanderung auf dem Kammweg zum Gipfel des Jeschken fort.
Das Heulen und Donnern des Sturms um den Turm auf dem Jeschken war überaus beeindruckend. Nach dem mehrbierigen Besuch des Turmrestaurants ebbte der Sturm etwas ab. Vom Zelten waren alle geheilt, die nächste Übernachtung sollte in einer festen Unterkunft sein. Als es langsam dämmerte, erreichten wir den Křižanské Sedlo zum Kryštofovo Údolí. Dort sollte es eine Pension Novina geben, schnell gefunden, aber alles dunkel. Ab 16 Uhr sollten Gäste laut eines Aushangs Eingang finden. Dieser Zeitpunkt war verstrichen, der Abt, Ralf und Manne hatten keine Geduld, sie suchten in Novina nach Alternativen. In der Tat gab es aber einen großflächigen Stromausfall, niemand wollte Gäste ohne Strom in eine der zahlreichen weiteren Pensionen aufnehmen. Wir entschlossen uns in der Hoffnung auf eine Zugverbindung zum nächstgelegenen Bahnhof in Křižan zu laufen. Dort stand sogar ein Triebwagen, der Bahnhofsvorsteher sagte jedoch: “Keine Strom, Autobus kommt erst morgen früh.” Nach einigem Hin&Her ließ er uns aber im Warteraum, dessen Nachtspeicherofen noch ein wenig Wärme und Trocknung spendete, bofen.
Kurz vor Sechs sprang das Licht an, wenig später offenbarte der Bahnhofsvorsteher den Bofern: “In 10 Minuten fährt der Bus nach Liberec.” Naja, so schnell sind wir nicht fertig. Wir verfrühstückten unsere flüssigen und festen Proviantreste. Ich hatte die Lust komplett verloren: “Ich will heim!” Die anderen Fünf sind noch einen halben Tag lang bis in die Gegend von Jítrava gewandert und mit dem Bus nach Hrádek nad Nisou. Auf der Heimfahrt erhielt der Sturm durch die Zugausfallanzeigen auf den sächsischen Bahnhöfen auch einen Namen: Herwart.

Mittwoch, Juni 28, 2017

Ein Drama bei der Taufe

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Das Wetter entwickelte sich nach zwei kräftigen Regenschauer am Morgen zum Positiven. Bei der zweiten Regenpause amüsierte ich den Kneiper in Günzach mit meinem Wunsch nach einem “Regenbier”. Es wurden zwei.
Gasthof "Zum Goldenen Kreuz" in Engetried
Um 1886 muss es ein kleines Drama in Engetried im Günztal gegeben haben. Es war zur Taufe eines Mädchens. Auf das Taufwasser reagierte die Kleine mit einem herzzerreißenden Geschrei. Es war ein wahres Crescendo, musikalische Vortragsbezeichnung für „lauter werdend“. Der Pfarrer, sichtlich genervt, konnte nicht anders und sprach: “Ich taufe Dich auf den Namen Kreszenzia”. Kreszenzia hatte ein erfülltes Leben, dies bezeugt das Schild anlässlich der Goldenen Hochzeit 1959 mit ihrem Blasius im Wirtshaus “Zum Goldenen Kreuz” in Engetried.
Auf Blasius & Kreszenzia: Gedenkscheibe im Wirtshaus
So habe ich mir die Entstehung dieses wunderbaren Taufnamens zusammengereimt. Mein Bruder meinte aber später: "Die haben hier solche Namen." Und in der Tat: Der Name Crescentia bedeutet auf Latein Wachstum. Es gab eine von Papst Johannes Paul II. am 25. November 2001 in Rom heiliggesprochene Maria Crescentia Höss aus Kaufbeuren.
Ich bin gut in Illertissen bei Andrea & Helmut angekommen.

Dienstag, Juni 27, 2017

Der Lechfall

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Ein Fehlstart in Boden: Mit dem den ersten Stramplern hinauf auf die Hahntennjochstraße aus Boden beginnt es zu regnen. Nach einer knappen halben Stunde ein Regenbier im Gasthaus “Zur Gemütlichkeit” in Bschlabs bestellt, der Kellner stellt mir das Bier hin und der Regen hört auf. Der Kellner meinte bei der Bestellung noch: “Dös muss aber a’ Großes sei.”
Lechtal bei Elmen
Der Lechradweg ist wunderschön, nicht nur weil er in meiner Richtung nur bergab geht. Er führt immer wieder auf den Lechbänken durch lichten Kiefernwald. Der Lech mäandriert über eine lange Strecke noch ganz eigenwillig als Naturfluss. Ich bin dann mal runter zu den Kiesbänken, um mal eine Kiesbankwolfsspinne zu finden, kein Glück. Sie erspürt herannahendes Hochwasser in den Kieseln und gräbt sich ein Loch, verspinnt es und kann mit dem Luftvorrat das Hochwasser überleben. Erst kurz vor Reutte gibt es eine Geschiebefalle. Wer wird dereinst das Geschiebe aus der Falle befreien?
Während der Lech in seinem Alpental bräsig vor sich hin mäandrieren kann, muss er sich dann durch die wohl nur ca. 500 m lange Lechschlucht vor Füssen zwängen. Die schlauen Schwaben habe gegen Ende des 18. Jhdt. aus einigen Fluten gelernt und oberhalb der Lechschlucht den Lechfall gebaut. Eine Aufstauung und einen Tunnel, der noch heute Energie liefert, schützte die Mühlen in Füssen und lieferte stetige Energie für ihr Werk. Meine Energie erhielt ich von einem Mariahilfer Bier vom Kössel Bräu in Eisenberg. Nun bin auch wieder in Deutschland.
Wiese im Königswinkel: Wer entdeckt das Schloss?
Ich konnte den “Dampflokrunde”-Radweg bei Roßhaupten finden, es war ein Lust am Pedalieren Richtung Marktoberdorf, was ich mir als Ziel gesetzt hatte. In Steinbach am alten Bahnhof war ich Teil einer Runde von freiwilligen Brandlöschern. Das Bier gab es für eine Spende von einem Euro. Die Schwaben ließen die Verschwendung nicht gelten, als ich für mein Bier 2 € spenden wollte. “Da hascht Du noch Eins gutt!” Vielleicht konnte ich Einen für einen Familienurlaub an der südlichen Schwarzmeerküste bei Sozopol in Bulgarien begeistern. Ich habe mich gerade bei meinem Bruder gemeldet, morgen sollte ich in Illertissen sein.

Montag, Juni 26, 2017

Genieß es!

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“Genieß es”, sagte der Wirt vom Hirschen in Imst zum Schluss, nachdem er mich als ersten Gast am Montag begrüßte und nach dem Woher&Wohin fragte. “Du bist noch ohne Elektro unterwegs?” Nach dieser Frage klang das “Genieß es” eher wie “Quäl Dich!” Ich starte in Imst zum Hahntennjoch.
Panorama am Linserhof
Der Linserhof ist die letzte Logistikstelle. Die muss genutzt werden, denn es kommen schon die ersten Zweifel. Der Linserhof liegt auf einer Alm auf knapp über 1000m vor dem Panorama der Pitztaler Alpen. Ich habe mich von diesem Panorama, von der Badestelle und all den anderen Versuchungen losgerissen und bin den Pass angegangen.
Aufwärts ...
Es gab noch einige retardierende Momente, ich habe es aber geschafft … geschoben, zu 95%. Kurz vor dem Pass gab es die Imster Melkalm Maldon, lauter Schirmchen davor. Also bin ich hin und konnte mir ein Weißbier zapfen lassen. Dann wurde die Alm zugemacht und die Senner, im Alter zwischen 70 und 17, holten die Kühe in den Stall. Die alten erfahrenen Rindviecher drängelten bereits am Tor mit lautem Blöcken, die Jungen mussten rangetrieben werden. Es war ein großes Theater bis jedes Rindvieh im richtigen Stallstandort war. Mir schien es, dass es Streit zwischen dem Vieh im Stall gab, wenn ein Rindvieh auf dem falschen Platz Stand. Es gab vier Eingänge in den Stall, es rumste drinnen und eine Kuh kam wieder raus. Die Senner trieben sie dann zum korrekten Eingang hin.
Geschafft!
Abfahrt nach Boden und Bschlabs
Nun bin ich im Berggasthof “Bergheimat” in Boden. Der Kellner ist ein Ungar und kennt Lauscha, wie klein die Welt ist. Es gewittert wieder.

Sonntag, Juni 25, 2017

Inn aufwärts

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So richtig zu regnen begann es erst, als ich unter der Dusche stand … aufgehört hat es gegen 11 Uhr. Der schwäbische Bauer ist wieder zurück in sein Zelt und hat geboft bis gegen 10 Uhr. Ich habe auf einen Frühschoppen gewartet. Erst hieß es, gegen 8 Uhr, dann 11 Uhr. Dann musste ich auf geheiß des Chefkellners meinen trockenen Platz räumen. “Wir müssen die Plätze zu Mittag herrichten! Wir öffnen erst um 12 Uhr.” Da habe ich mein Zelt abgebaut und bin losgeradelt.
Inntal: Stift Stams
Genau richtig, der Regen hatte sich gelegt. Zu Beginn ein kleiner Fehler, statt eines Radweges war ich auf dem Holzweg und völlig von der Pampe vollgespritzt. Dann aber war es ein lockeres Pedalieren bis in die Gegend von Imst. Morgen will ich das Hahntennjoch probieren, wo wir einst mit Loths 353er Wartburg waren.
Inntal bei Imst

Samstag, Juni 24, 2017

Über den Brenner

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Heute wieder ein Hupperle mit dem Zug: Von Prato, über Bologna auf den Brenner.
Gedenktafel für die Opfer des faschistischen Terrors 1980
Der Anschlag von Bologna war ein Bombenanschlag auf den Hauptbahnhof der italienischen Stadt am Morgen des 2. August 1980 durch die neofaschistische Organisation "Neue Ordnung". Der Untersuchungsrichter Felice Casson fand bei der Aufklärung im Archiv des Geheimdienstes SISMI Dokumente, die auf eine geheime Organisation namens Gladio hinwiesen. Dahinter steckte CIA und MI6 mit ihren Stay-behind-Operationen im Kalten Krieg. Die Anschläge sollten das italienische Volk dazu bringen, den Staat um größere Sicherheit zu bitten.
Es beginnt die Abfahrt vom Brenner durch das Wipptal
Die aufsteigende warme Luft verursachte auf der Fahrt hinunter durch das Wipptal einen starken Gegenwind. Oft musste ich ganz ordentlich strampeln - bergab! Dann weiter an den westlichen Stadtrand von Innsbruck auf den sündhaft teuren Camping Kranebitten. Es gewittert. Hier teile ich mir den Platz #60 mit einem Schwaben auf großer Radtour, der aber an der Rezeption auch keinen Rabatt herausschlagen konnte. Es ist ein pensionierter “selbstständiger Bauer” aus der Gegend von Ellwangen. Er ist von zu Hause nach Donauwörth geradelt, dann die Donau abwärts bis Passau und den Inn aufwärts bis hierher. Sein Ziel ist der Malojapass, dass wäre von St. Moritz nicht weiter hoch, rüber ins Rheintal und nach Hause. Eine großartige Runde! Er hat eine blitzneue Ausrüstung, das VAUDE-Zelt baute er während der Tour zum ersten Mal auf. Meine Einladung zum Glas Bier lehnt er dankend ab, “Null komma Null!”
In der noblen “Garda-See”-Diele komme ich mit einem Typen ins Gespräch, der sich erstmal beschwert: “H..mm! Ich bin voll.” Er scheint mir als einzigster Tiroler aus Kranebitten hier zu Gast zu sein. Er bestellt aber noch eine “kleine Nachspeise”, drei Kugeln Eis. Er erforscht gerade die Aktivitäten der Stonehenge-Leute auf den Bergen Serles und Patscherkofel. Zur Sommersonnenwende war er oben auf dem Patscherkofel und hat faszinierende und geheimnisvolle Energien erfahren, als bestimmte Steine, der Berg Serles und die Sonne in Linie standen. Er war auch schon am Sonnenobservatorium Goseck forschen.

Freitag, Juni 23, 2017

il primo e l'ultima volta

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San Gimignano: Partnerstadt von Mestia
Ich habe die Toskana durchquert. Es ist sicher die schönste Landschaft, die ich jeh sah … aber man muss sie sich auch leisten können. Die Sache mit dem Geld ist klar. Mit einem Auto & Camper wie die vielen Nieder- und Engländer zählt nicht. Man sollte es schon wie die Italiener machen, mit dem Rad. Oder dem Pilgerstab auf den Franzenswegen. Sei sicher, Dir wird geholfen, wenn die Sonne und die Anstiege Dich ausdörren und herausfordern. Wie gerade mir eben, beim Aufstieg auf den Höhenzug Montalbano bei Vinci, dem Stammort des letzten großen Universalgelehrten und Genies. Für den letzten Kilometer (wirklich) erbarmte sich meiner ein kerniger Mäher. Mein Rad kam zu seiner Maschinensense hinten rein in den Kleinlaster, wir haben uns sogar mit ein paar Wörtern vorne unterhalten können. Ein feiner Kerl. Ich bin jetzt wieder auf 440 m aus dem Tal des Arno aufgestiegen. Die 350 Höhenmeter vorher habe ich selbst geschafft (geschoben). Der feine Kerl lockte mich auch zu der Aussage: “Il primo e l'ultima volta! Das erste und das letzte Mal.” Und in der Tat, ich werde morgen versuchen, mit dem Zug auf den Brenner zu treideln und damit das Kapitel Italien abzuschließen.
Blick in das Tal des Arno bei Florenz
Aber noch ein wenig genießen, die Abfahrt und die Trattoria Ristorante il Barco Reale in Carmignano: Auf meine Frage nach was zu Essen, guckt der Wirt auf die Uhr. Antipasto del Barco, alle Spezereien der Toskana von Salami über Schinken bis zum Käse auf einer Vesperplatte, und Coniglio all’ etrusca, ein Schweinerollbraten an Oliven. Ich kann es nicht mehr beschreiben, mir fehlen die Worte. Worauf ich sonst bei einer Radtour warte, auf eine kulinarische Überraschung - hier jeden Tag.

Donnerstag, Juni 22, 2017

Chianti in Chianti

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Ich habe schlecht geschlafen, die Matte lässt Luft und ich habe Brand. Es ist aber nur der Schluck des Grundes allen Übels da. Schon die ganze Zeit ist das Wassermanagement meine Hauptaufgabe, ich darf da nie zu knapp kalkulieren. Der Verbrauch ist riesig, bestimmt mehr als 5 l pro Tag. Wasser! Wirklich. Ich schütte mir ja auch immer mal was in die Mütze oder ins Kreuz, wenn das Wasser noch kalt ist. Es gibt hier erheblich weniger Brunnen und Quellen wie auf dem Balkan.
Der Radweg hier heißt “L’Eroica”, muss was mit dem Giro zu tun haben. Es sind eine Menge überaus sportive Italiener (selbst meines Alters) mit dem Rennrad unterwegs. Sie ermuntern mich alle, aber ich habe hier nichts zu suchen zwischen den Helden des Radsports. In Radda in Chianti verlasse ich diese Szene und nehme den Weg bergab nach Norden. Die fünf Kilometer auf der “L’Eroica” haben mich fertig gemacht. Die Route verbindet mit Castellina in Chianti, Gaiole in Chianti und Radda in Chianti die touristischen Höhepunkte des Chiant. Jetzt in Lucarelli sitze ich in einer Bar und trattoria.
Hier gibt es Peposo
Die Essenszeit beginnt um 12 Uhr, ich bin pünktlich. Nach den Gnocchi bestelle ich ein Peposo. Im englischen Untertext wird es als “Renaissance”-Rezept bezeichnet und mit 9 € bepreist. Es war der Wahnsinn: Die Rindfleischstückchen waren in der Weinsauce so gar, dass sie von der Gabel angestochen, zerfielen. Der Sauce wurde ich mit dem guten Brot Herr. Jetzt wo ich das schreibe und, um die Begriffe korrekt wiedergeben zu können, noch mal in die Speisekarte schaue, sehe ich eine ausführliche Seite zu diesem Gericht.
Seit diesem herrlichen Gericht ist eine reichliche Stunde vergangen und ich bin ca 6 km geradelt bzw. jetzt zum Schluss geschoben. Mehr schaffe ich nicht. Ich sitze jetzt wieder beim Chianti.
Bald die nächste Rast
Das hier in La Piazza, ein klitzekleines Dorf auf einem Hügel (335 m) umsäumt von Oliven- und Weinparzellen und viel Licht, ist jetzt wieder eine Touristenfalle. Es sind viele Skandinavier hier, Holländer und Großstädter aus Italien, die Deutschen sind wohl noch zu Hause fleißig. “Enzo Ferrari” lässt sich von seiner Angetrauten im VW Golf kutschieren.
Einige schwere Hügel weiter in San Donato in Poggio ist in den nächsten Tagen ein großes internationales Bogenschießen-Event. Ich habe zusammen mit Engländern Bier getrunken und mit Kärntnern einen großen Schoppen Weißen. Jetzt ist es Zeit eine albergo zu suchen. Ich fand den Campingplatz Panorama del Chianti.

Mittwoch, Juni 21, 2017

Avanti popolo

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Avanti popolo
Nun es wundert mich nicht, dass die Sozen sich die Toscana als Endpunkt ihrer Evolution ausgesucht haben. Es finden sich noch Relikte aus der Zeit des gemeinsamen Kampfes unter der bandiera rossa wie im casa del popolo in Badia Agnano.
Haus des Volkes
Wandschmuck im Haus des Volkes

Für ein paar Euro wählst Du Dir, Genosse, Salami oder eine Ecke pecorino, dazu ein ordentliches Glas Wein des Hauses. Die Gute vom Tresen serviert Dir noch ein Bisschen was Gesundes in Form von Obst und Gemüse dazu. So schmeckt Dein Sieg im Klassenkampf.
Ich beginne meinen Angriff auf das Chianti genau mit dieser Taktik, obwohl mir klar ist, dass man damit nicht weit kommt. Den ersten Pass bei Civitella in Val di Chiani habe ich ausschließlich mit Wasser angetrieben geschafft. Dann an einer Kreuzung eine Bar Alimentarie … Im Kühltresen ausschließlich Spezialitäten, ich ließ mich vom pecorino, einem hartem Schafskäse, inspirieren, dazu einen vino bianco. Könnt Ihr Euch noch an den ersten Schluck vom Melnik 13 erinnern? So erging es mir, als ich auf den Roten umstieg. Nun sammele ich meine Kräfte für den Aufstieg nach Nusenna in Mercatale Valdarno aus dem Tal des Arno. Ich habe mir noch einen vino bianco geholt.
Aufstieg zum Monteluco
Dieser Aufstieg wird einem campione gerecht. Oben auf dem Berg (800 m.ü.d.A.) des Fernsehturm Monteluco in der Bar hängen Bilder der Giro-Helden. Es sieht so aus, dass ich das Chianti-Land vom höchsten Punkt aus erobere. Ich bin fix und fertig.
Monti del Chianti (Chianti-Berge)
Jetzt sitze ich auf der Terasse einer osteria in Castagnoli mit einer herrlichen Aussicht auf Weinberge des Chianti, immer noch 500 m hoch. Der Wald endet bei ca. 550 Höhenmeter, dann kommen kleinteilig Parzellen mit Wein und Oliven. Es war heute meine erste Bestellung, die der Italiener in seinem Restaurant mit dem Wort “perfetto” quittierte. Ich bestellte korrekt primo und segundo … und es war perfetto. Primo - als erster Gang penne all’amatriciano, als Zweites - segundo - einen Bohneneintopf, fagioli all’uccelletto. Nun flippe ich aus, ich habe eine ganze Flasche Chianti classico Cantalici mir hinstellen lassen. Avanti Ebbo ...
Die Flasche, noch reichlich voll, begleitete mich zu einem Platz zum Zelten. Unter der Madonna beschäftigte ich mich dann mit dem Rest, einen großen Schluck für früh übrig lassend.

Dienstag, Juni 20, 2017

Ein Pizzatag

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Mugnano
Ich habe es angenommen, das italienisch leben. Glaube ich zumindest, der Italiener an sich möge in seiner überlegenen Art schmunzeln. Er ist aber sehr freundlich. Wenn ich an einem schattigen Platz an der Straße mich erschöpft auf mein Rad stütze, hält immer mal einer an, und fragt, wie es mir geht. “Bene, grazie!” Ich sehe nur vormittags den Einen oder anderen Rennradler. Heute gab es im Hotel in Attigliano am Tiber nur ein italienisches Frühstück: Einen grande cafe und ein Stück trockene Torte. In Castiglione in Teverina, der antiken Weinstadt, fand ich eine Pastizeria und Pizzeria für die Vesper am Vormittag. Der Bäcker war ein mächtiger Hirte, der blitzschnell aus dem Blech mir ein Stück Mozzorella & Oliven-Pizza herausschnitt. Dazu ein birra grande der Marke “Nostri azzurro”. Diese Kombination macht Appetit, ein weiteres Stück ruckzuck aus dem Blech herausgeschnitten, pomodori und auf einem Quadratmeter Pizza anderthalbe Sardellen, sehr lecker. Nichts, aber auch garnichts, was mir bisher als Pizza vorgesetzt wurde, kann sich mit diesen Meisterstücken messen. Als ich bezahlen wollte, hatte er was Neues hingestellt, was PANIERTES. Das musste ich kosten, eine Rollade 3x6 cm, möglicherweise waren drinnen Graupen, wie in der minestrone? Großartig. Die Rechnung: 7 €.
Castiglione in Teverina - antikes Land der Weinherstellung
Es ist hier Weinland, es ist in Italien wohl überall Weinland und jeder fördert seine Marke. Ich habe gerade einen trockenen vino bianco aus der antiken Weinstadt gekostet. Sie freuen sich, wenn man den hiesigen Wein lobt … und verdammt, er ist auch immer gut.
Orvieto ist eine mächtige befestigte Stadt oben auf einem Felsen, man muss nicht immer da hoch, schaut auch von unten gut aus. Es gibt aber auch einen unteren, modernen Teil Orvieto Scalo mit dem Bahnhof.
Später das Mittagessen in Orvieto
Nun habe ich ein kleines Hupperle mit dem Zug nach Arezzo gemacht, um in den nächsten drei Tagen das Chianti-Land zu erobern.

Montag, Juni 19, 2017

Luther kann mir gestohlen bleiben

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"Agriturismo"
Die Idee mit “Luther nachgereist” ist in der Sonne Italiens wie Butter zerschmolzen. Ich suche mir meinen eigenen Weg, jetzt ist der EuroVelo #7 meine Leitschnur. Die Kriterien für den eigenen Weg sind ausschließlich geomorphologischer Art, das heißt, keine Berge! Ich radele den Tiber aufwärts. Es ist gegen 10 Uhr morgens. Die schöne Italienerin schaut mir tief in die Augen und sagt: “Benzina per la bicicletta?” “Si, signora.” Sie zapft mir ein birra grande aus der Flasche.
Orte
Die alten Ortskerne befinden sich nicht im Tal des Tiber, dort ist nur die Autobahn, die ferrovia Firenze - Roma Direttissima und ein wenig Industrie. Man muss schon hoch schieben wie nach Orlamünde, um den befestigten Ortskern von Orte besuchen zu können. Das und ein Mittagessen habe ich mir dort oben gegönnt. Es gibt im Ort etliche Verkehrsschilder, die darauf aufmerksam machen, dass die Gassen kleiner als 2m breit sind. Trotzig fährt der Italiener und die Italienerin auch mit SUV’s in solche Gassen rein. Die Gassen sind natürlich Einbahnstraßen. Welches System dahinter steckt, kann ich nicht erkennen. Ich schwöre es, einmal kam ich an eine Abzweigung, da waren alle Richtungen gesperrt. So ein befestigter Ortskern bietet nicht viel Platz für heutige Anforderungen. Damals in der hochgelobten Renaissance war das hier eine äußerst kriegerische Zeit. Man kannte keine Italiener, sondern nur Bürger von Rom, Florenz oder Orte. Die großen Familien der Borgia oder der Medici zankten sich ständig, der Bürger war auf einen befestigten Platz zum Wohnen angewiesen. Den ließ er dann von den gerade angesagten Familien verteidigen, wodurch er wieder drin war im Zwist. Ein Teufelskreis! Wasser erhielten die befestigten Ort über Aquädukte wie im alten Rom, gestern in Nepi schön zu sehen. Das war dann im Verteidigungsfall die Achillesferse.
Mit dem Leitfaden EuroVelo #7 habe ich mir heute nachmittag was eingebrockt. Der Track führte in Privatgelände auf nicht zu pedalierende Pfade und endete an einem verschlossenen Tor. Ich musste einen mit Dornengestrüpp verzierten Steinwall überwinden, um auf die öffentliche Straße zu kommen. Ich bin dann doch hoch in das befestigte Dorf Penna in Tevarina geklettert. So eine Privatwildnis macht durstig.
Ich mischte mich unter die Alten des Dorfes.